Soren Stark: Die Altturkenzeit in Mittel- und Zentralasien. Archaologische und historische Studien.
Article Type: Book review
Subject: Books (Book reviews)
Author: Scharlipp, Wolfgang-E.
Pub Date: 01/01/2009
Publication: Name: Acta Orientalia Publisher: Hermes Academic Publishing Audience: Academic Format: Magazine/Journal Subject: Social sciences Copyright: COPYRIGHT 2009 Hermes Academic Publishing ISSN: 0001-6438
Issue: Date: Annual, 2009 Source Volume: 70
Topic: NamedWork: Die Altturkenzeit in Mittel- und Zentralasien: Archaologische und historische Studien (Nonfiction work)
Persons: Reviewee: Stark, Soren
Accession Number: 300652483
Full Text: Soren Stark: Die Altturkenzeit in Mittel- und Zentralasien. Archaologische und historische Studien. Wiesbaden 2008. Dr. Ludwig Reichert Verlag; Nomaden und Sesshafte Bd. 6. 452 Sn. 7 Karten, 116 Tafeln. ISBN 978-3-89500-532-9.

Der Titel des Buches ist vorsichtig, aber dem Inhalt des Buches entsprechend richtig formuliert. Zwar geht es in der Hauptsache um die Frage nach Kontaktergebnissen turkischer Bevolkerungsgruppen mit anderen ethnischen Gruppen, aber als bedeutendste Macht zu jener Zeit stehen sie im Mittelpunkt der Arbeit. Es geht im Prinzip um Kontakte, die der Pastoralnomadismus der Turken als Grundlage fur die politische Herrschaft im fraglichen Raume schuf.

Drei Punkte hat der Verfasser dementsprechend zunachst zu klaren: 1. Er stellt fest-was keine neue Erkenntnis ist, aber wichtig, klarzustellen-dass Pastoralnomadismus keine primitive Entwicklungsstufe in der Geschichte der menschlichen Zivilisation ist, sondern eine Organisationsform, die eine Antwort auf spezifische physische und soziopolitische Anforderungen gibt (S.4). 2. Geographisch unterscheidet er zwischen Zentralasien und Mittelasien, Termini, die nicht unumstritten sind und unterschiedlich in der Sekundarliteratur verwendet werden, sowie Transoxanien, der Raum zwischen Amu-Darya und Syr-Darya. 3. Wie im Titel erwahnt, dienst zur Periodisierung der Begriff "Altturkenzeit", die er von der Mitte des 6. bis zur Mitte des 8. Jahrhunderts ansetzt, was vertretbar ist, wenn man sich auf die Zeit der sogenannten "Kaganate" beschrankt. In Fussnote 33 bemerkt Stark hierzu, dass der Terminus "wohl an Khanat angelehnt ist". Richtig ist dagegen, dass der oberste Herrscher eines "el (Reichsgebietes)" in den altturkischen Runeninschriften "Kagan" genannt wird. Die Termini "Khan" und "Khanat" sind daraus entstandene spatere Bildungen. Bei dieser Gelegenheit sei eine der wenigen Kritiken angebracht: Das Zitieren weisst haufig Schwachen auf, die durchaus vom Inhalt der Texte einen falschen Eindruck vermitteln konnen. So wird z.B. ein Passus aus der "Kul-Tegin-Inschrift" (richtig ist sicherlich :Kol Tegin) zitiert, ins Deutsche ubersetzt, aber ohne Angabe der Quelle (S. 15). Die Ubersetzungen alter Texte, und insbesondere solcher schwierigen, weichen teilweise stark von einander ab, sodass es wichtig ist zu wissen, von wem die Ubersetzung stammt. Hier hatte der Archaologe vielleicht ruhig einmal den Turkologen um Rat fragen sollen. Aber dies ist eine sekundare Beobachtung im Vergleich zu der Materialfulle im Rest des Buches.

Der Band beschaftigt sich in der Hauptsache-wie oben erwahnt mit den Einflussen von Bevolkerungsgruppen auf andere, zu welchem Zwecke verschiedene Aspekte von Lebensformen untersucht werden. Schlusse zu diesen werden aus den Quellen gezogen, die insbesondere Chinesen, Araber und Perser uber ihre Kenntnis der Lebens Verhaltnisse im oben beschriebenen geographischen Raum hinterlassen haben. Die grossere Rolle allerdings spielen dabei archaologische Funde, die grundlich und kenntnisreich analysiert werden.

Wie der Verfasser ausdrucklich sagt, werden in dem Band viele Aspekte des taglichen Lebens behandelt, ohne dass eine Synthese beabsichtigt wird: "Die vorliegende Studie verzichtet auf eine detaillierte ereignisgeschichtliche Darstellung der Geschichte des Turk-Qaganats. Hierfur liegt inzwischen eine ganze Reihe zusammenfassender Arbeiten vor, deren Wiederholung hier nicht angezeigt erscheint" (S. 16).

Im folgenden kurzen Kapitel uber den Forschungsstand weist der Autor auf einige Probleme hin, wie auf die fortgeschrittene "Diversifizierung" und daraus resultierende mangelnde wechselseitige Kenntnisnahme durch die unterschiedlichen beteiligten Fachdisziplinen (S. 20). Dafur kann man nach Meinung des Rez. die Fachvertreter kaum verantwortlich machen, wie auch aus Starks Anspielung auf die zahlreichen involvierten Sprachen hervorgeht. Nicht nur sind wir in der Quellenliteratur mit der altturkischen, chinesischen, arabischen, persischen, sogdischen, altgriechischen, tibetischen usw. Sprachen konfrontiert, sondern die Ergebnisse der modernen Forschung sind u.a. in deutscher, franzosischer, russischer, englischer, japanischer, ungarischer, turkischer und anderen Sprachen verfasst.

Im folgenden Kapitel wendet sich Stark dann den Textquellen zu und versucht herauszufiltern, was sie uber den Pastoralnomadismus hergeben, wobei sich zeigt, dass, entsprechend der geographischen Herkunft einer Quelle unterschiedliche Ergebnisse zu erwarten sind, weil zum Teil auch unterschiedliche Aspekte hervorgehoben werden.

Teil 2 (S. 53-195) widmet sich den "Grundzugen" der Archaologie der Altturkenzeit, wobei der Autor auf ein wichtiges Problem verweist: "Diskussionen der archaologischen Zeugnisse der Altturken in Mittel- und Zentralasien erfordern zunachst eine Auseinandersetzung mit den Spezifika archaologischer Zeugnisse und ihrem Quellenstatus. Insbesondere ergeben sich Fragen nach Zuordnungskriterien: Was macht ein archaologisches Archefakt zugehorig zur materiellen Kultur pastoralnomadischer Gruppen, was ist an ihm "altturkisch"? Beide Fragen beruhren grundsatzliche methodische Probleme" (S.53).

Unter den Uberschriften "Ethnos und archaologische Denkmaler" und "Ethnische Identitaten in den altturkischen Steppen" wird diese Frage weiter verdeutlicht. Die Frage, ob das Ergebnis der komplexen Ethnogenese der Turk eine gemeinsame "ethnische" Identitat erzeugte, ist hier vielleicht noch am leichtesten zu beantworten. Die Beantwortung geht allerdings uber die Stark zur Verfugung stehenden Quellen hinaus. Aus den altturkischen Inschriften selbst wird nicht klar, in wie weit sich die dort genannten politischen Gruppen als turkisch betrachteten. Wir wissen daher auch nicht, in wie weit der Name des Fuhrungsstammes, also der Turk, als Identifikationsfaktor anzusehen ist. Aus anderen Quellen, besonders spateren islamischen, wissen wir nur, welche Stamme der Herrschaft der Turk unterstanden und welche deren Sprache sprachen.

Stark wendet sich dann den archaologischen Funden zu, die in ihrer Vielfalt manche klare Schlusse zulassen, doch weit davon entfernt sind, alle Fragen nach dem ethnischen Ursprung zu beantworten. Es seien hier nur einige Beispiele dafur gegeben, welche Funde der Autor heranzieht.

Am verlasslichsten sind noch die in verschiedenen Formen Stelen, Felsinschriften, Graffiti usw.-erscheinenden Inschriften, ebenso wie Wandmalereien und Skulpturen, die meist im Zusammenhang mit Grabstatten oder Denkmalern stehen. Deren Vielzahl wird auf zahlreiche Aspekte der Sachkultur untersucht, was von Bestattungsformen bis zu einzelnen Fundstucken reicht. Teilweise werden auch Berichte zu Bestattungen in chinesischen bzw. griechischen Quellen herangezogen, die jedoch nicht immer zuverlassig sind. Bei der Betrachtung der einzelnen Fundstucke in Grabern ist die Vielzahl der untersuchten Gegenstande beachtlich; das reicht von einzelnen Teilen der Reitausrustung uber verschiedene Waffen bis zur Kleidung.

In Teil 3, der das Zwischenstromland betrifft, zieht Stark wieder Quellen, vor allem aber wieder archaologische Funde heran. Es ergibt sich hier allerdings ein sehr anderes Bild, was die Gegenwart von Turken in dieser Gegend betrifft. In einer vorwiegend nichtturkischen, hauptsachlich iranischen, meist wohl sogdischen, Umgebung treten Turken hautsachlich als Regionalherrscher und militarisches Gefolgswesen auf. Eine der Schwierigkeiten, die sich dem Forscher hier stellt, ist der Umgang mit turkischen Titeln und Epitheta, die auch von Sogdern getragen wurden. Allerdings mussen wir im Auge behalten, dass viele Namen und Titel auch der ostlichen Turk nicht turkischen Ursprungs waren und manche Probleme aufgeben. Trotzdem ist eines der wichtigsten Ergebnisse dieser Arbeit, einige der Unterschiede zwischen der Prasenz der Turk im Osten einerseits und im Westen andererseits verdeutlicht zu haben.

Den Sogdern und ihrem Einfluss auf die Turk ist der vierte und damit letzte Teil gewidmet. Interessant ist hier die Feststellung, dass die Quellenlage uber die Sogder fur das ostturkische Reich wesentlich besser ist, als fur die West-Turk, obwohl sie im Osten ja vor allem als Reisende, Handler, Berater usw. anwesend waren. Stark fuhrt das darauf zuruck, dass die Chinesen deutlich besser informiert waren, was niemanden erstaunt, der einen Eindruck von der Grundlichkeit der chinesischen Annalen gewonnen hat.

Insgesamt liegt das Hauptinteresse des Buches auf den zahlreichen archaologischen Funden, die dem Pastoralnomadismus zuzuordnen sind, und dem Leser somit einen Eindruck davon vermitteln, wie reich und reichhaltig dessen Sachkultur war, ohne sich in unklaren Fallen zu einer ethnischen Zuordnung zwingen zu lassen.

Das Buch schliesst mit einer Zusammenfassung in deutscher, englischer und russischer Sprache, einem umfangreichen Literaturverzeichnis und mehreren Registern, dazu 116 Tafeln, die zumeist mehrere Abbildungen enthalten. Auch hier spiegelt sich nicht eine zwanghafte ethnische Zuordnung wieder, was sicher unmoglich ware. Beeindruckend ist die Vielfalt der abgebildeten Gegenstande, die sich von den im Text behandelten Inschriften bis zu den Fundstucken in Grabstatten erstrecken.

Da das Buch im Rahmen des Sonderforschungsbereiches 586 der Universitaten Halle und Leipzig entstanden ist, in dem Historiker, Archaologen, Geographen, Orientalisten und Ethnologen das Zusammentreffen nomadischer und sesshafter Gesellschaften erforschen, ist das Buch fur all die hier genannten Wissenschaftler von Interesse.

Wolfgang-E. Scharlipp

University of Copenhagen
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