Priska Furrer: Sehnsucht nach Sinn. Literarische Semantisierung von Geschichte im zeitgenossischen turkischen Roman.
Article Type: Book review
Subject: Books (Book reviews)
Author: Sagaster, Borte
Pub Date: 01/01/2009
Publication: Name: Acta Orientalia Publisher: Hermes Academic Publishing Audience: Academic Format: Magazine/Journal Subject: Social sciences Copyright: COPYRIGHT 2009 Hermes Academic Publishing ISSN: 0001-6438
Issue: Date: Annual, 2009 Source Volume: 70
Topic: NamedWork: Sehnsucht nach Sinn: Literarische Semantisierung von Geschichte im zeitgenossischen turkischen Roman (Nonfiction work)
Persons: Reviewee: Furrer, Priska
Accession Number: 300652481
Full Text: Priska Furrer: Sehnsucht nach Sinn. Literarische Semantisierung von Geschichte im zeitgenossischen turkischen Roman. Wiesbaden: Reichert Verlag, 2005. (Literaturen im Kontext: arabisch-persisch-turkisch; Vol. 9).

Bis vor wenigen Jahren war die literarische Behandlung der vorrepublikanischen Vergangenheit in der Turkei uberwiegend ein Feld der Unterhaltungsliteratur, das mit herkommlichen Erzahlmitteln und oft pathetischem Unterton die eindimensionale nationale Sichtweise von Staat, Geschichte und Identitat bestatigte und starkte. Das Osmanische Reich bildete in diesem Zusammenhang das negative Gegenmodell zur turkischen Republik, dessen Tradition der kulturellen Vermischung verschiedener Volker, Sprachen und Religionen zur "Dekadenz" und zum Untergang gefuhrt hatten, wahrend das nationale Modell des islamisch-turkischen Einheitsstaates eine ideale Gegenwart und Zukunft garantiere.

Dass sich diese Sicht seit den 80er Jahren, besonders aber seit Mitte der 90er Jahre, deutlich gewandelt hat, zeigt die 2002 von der Philosophisch-historischen Fakultat der Universitat Bern als Habilitationsschrift angenommene und 2005 in der Reihe "literaturen im kontext" des Reichert Verlags veroffentlichte Arbeit von Priska Furrer. Furrer, die ein Korpus von 13 Romanen analysiert, welche zwischen 1985 und 1999 veroffentlicht wurden, konstatiert fur diese Zeit "die literarische Entdeckung der Vergangenheit" durch die "hohe" Literatur: Die literarische Ambition der Autoren rangierten nun vor der didaktischen Absicht, die Konventionen des herkommlichen historischen Romans seien gebrochen.

Die Leitfrage von Furrers Arbeit orientiert sich an der kulturellen Praxis der Sinnproduktion: Wie stellen die Autoren der untersuchten Romane Geschichte so dar, dass sie fur die Gegenwart sinnstiftend wirkt? Nicht der Grad von Fakt und Fiktion in den untersuchten Werken ist daher das Erkenntnisinteresse, sondern die Semantisierung von Geschichte zwecks kultureller und politischer Sinnstiftung fur die Gegenwart. Oder anders gesagt: Nicht die Frage nach der historischen Wirklichkeit steht im Zentrum, sondern ein Interesse an den Techniken und moglichen Funktionen der literarisch-fiktionalen Konfiguration von Geschichte.

Die Beobachtung, dass die turkische Literaturkritik sich in ihrer Bewertung des "neuen historischen Romans" ganz selbstverstandlich auf internationale Vergleichskategorien beruft und das Phanomen als Teil globaler Entwicklungen begreift, dient Furrer als Begrundung fur ihr methodisches Vorgehen, sich "oszillierend" zwischen dem Bezug auf das turkische Textmaterial und dessen literatur- und kulturgeschichtlichen Kontext einerseits und allgemeine erzahl- und gattungstheoretische Fragen andererseits zu bewegen (21). Die Arbeit hat daher eine doppelte-"lokal" und "universal" ausgerichtete Zielsetzung: Neben der oben genannten Ausrichtung auf die spezifisch "turkischen" Verfahren der Sinnstiftung, die durch die Semantisierung von Geschichte in der Literatur stattfindet, hat sie auch den allgemein literaturwissenschaftlichen Anspruch, ein "Beitrag zu einer allgemeinen Poetik der narrativen Verfahren, mit denen Geschichte literarisiert und fiktionalisiert wird" (21) zu sein.

Besonders Arbeiten aus der Anglistik und der Germanistik erwiesen sich fur Furrers Zwecke als nutzlich. Bei ihren Textbeschreibungen bezieht sie sich auf das funfstufige skalierende Differenzierungsmodell des Anglisten Ansgar Nunning, welches sie jedoch nicht einfach auf die turkische Literatur ubertragt, sondern den spezifischen Gegebenheiten ihres Materials entsprechend kombiniert und gewichtet: Das Hauptkriterium von Nunnings Typologisierung, die Bewegung vom Schreiben von Geschichte zur Thematisierung eben dieses Schreibens von Geschichte, greift bei den von ihr gewahlten Beispielen nicht richtig. Im turkischen "historischen Roman" (tariht roman, tarihsel roman) steht das Konzept der Vermischung von Genremustern im Vordergrund, das bei Nunning eine eher marginale Rolle spielt. Furrer vermeidet denn auch diesen Gattungsbegriff und spricht lieber allgemeiner von der "Semantisierung von Geschichte" im turkischen Roman der Gegenwart (23).

Als thematischen Rahmen ihres Materials wahlte Furrer Texte, die sich mit den turkisch-islamischen Epochen der Geschichte beschaftigen, mit der Zeit der Seldschuken und Osmanen also. Nicht berucksichtigt hat sie ausdrucklich Texte, die die byzantinische Zeit behandeln, sowie Texte uber die osmanische Endzeit und den Ubergang zur Republik-letztere, weil sich bei der Beschaftigung mit derartigen Romanen ganz neue konzeptionelle Fragen ergeben, die mit ihrer Nahe zur Gegenwart zusammenhangen (28). Ein weiteres Auswahlkriterium war fur Furrer der Grad der Wahrnehmung der Romane durch die turkische Literaturkritik: Berucksichtigt sind weitgehend Bucher, die in der Turkei eine gewisse Publizitat erreichten und in der innerturkischen Diskussion um Geschichte und Roman in der zweiten Halfte der neunziger Jahre eine Rolle spielten (Orhan Pamuk, Nedim Gursel, Gursel Korat, ihsan Oktay Anar, Haldun Cubukcu, Zulfu Livaneli und Murat Erman). Ausnahme von der Publizitatsregel sind zwei Romane aus dem islamisch ausgerichteten Spektrum: Um "den Ausschluss der in islamisch ausgerichteten Verlagen aus dem, was als "Literatur" wahrgenommen wird, nicht zu reproduzieren" (28) und auch deren Geschichtsinterpretationen mit einzubeziehen, wahlte sie bewusst auch zwei in religiosen Kreisen populare Romane von sich bewusst als "islamisch" definierenden Autoren (Ahmet Yilmaz Boyunaga, Sadettin Kaplan).

Die gewahlte interdisziplinare Methode, die turkische Literatur im Kontext globaler Entwicklungen zu betrachten und sich auch auf allgemeine gattungs- und erzahltechnische Fragen zu beziehen, fuhrt Furrer zu interessanten Ergebnissen:

*--Wahrend fur den historischen Roman anderorts vor allem die Selbstreflexivitat im Trend ist und eine grundsatzliche Problematisierung des Deutens uberhaupt stattfindet (historiographic metafiction), steht im Zentrum der turkischen Literatur die Revision der turkischen Geschichte. Diese richtet sich insbesondere gegen die Heldengeschichte der grossen militarischen Siege, gegen die Geschichte des monolithischen Einheitsstaates der Turkisch-islamischen Synthese und gegen das dem Religiosen gegenuber hochst kritisch eingestellte Geschichtsbild des laizistischen Teils der Bevolkerung.

*--Auch in der turkischen Literatur findet zurzeit, wie in anderen Weltregionen, eine starke Hybridisierung der Genres statt. Allerdings gibt es bestimmte, offenbar spezifisch "turkische" Vorlieben fur bestimmte Formen, die nicht im internationalen Trend sind. Hier ist vor allem die Utopie zu nennen, die in den dominierenden westlichen Diskursen bereits an Glanz verloren hat. In der Turkei jedoch projizieren einige Autoren die ideale Gesellschaft als "ruckwarts gewandte Utopie" in die osmanische Vergangenheit. Der politisch links angesiedelte Gursel Korat beispielsweise entwirft so das Projekt einer egalitaren, auf ethnischer und religioser Verbruderung und der Abschaffung von Adel, Privatbesitz, Handel und Familienleben beruhenden Gesellschaft, die beiden national-religios ausgerichteten Autoren Ahmet Yilmaz Boyunaga und Sadettin Kaplan entwerfen eine ideale Gesellschaft unter islamischen Vorzeichen.

* Der internationale Trend zur Intertextualitat aussert sich im Falle der turkischen Literatur, wie am Beispiel Orhan Pamuks gezeigt, ebenfalls im Sinne einer Revision der Historie: Durch die Bezugnahme auf Texte der westlichen wie der ostlichen Tradition hat Pamuk literarisches Neuland betreten: Orientierte sich die turkische Romanliteratur bisher ausschliesslich an der westlichen Literatur, so bringt Pamuk durch seine Bezugnahme auf mystische Texte der islamischen Tradition diese Tradition dem Leser wieder ins Gedachtnis und betreibt eine Art von Traditions(re-)konstruktion (178).

* Auffallig ist bei dem Trend zur Hybridisierung der Genres asserdem die Vorliebe turkischer Autoren fur die Konstruktion eines "Geheimnisses" in der Geschichte: Bei Pamuk dient die islamische Mystik als Lieferantin fur Spannung, auch bedient er sich oft Anleihen aus dem Genre des Kriminalromans, um die erzahlerische Spannung seiner Texte zu steigern. Auch andere Autoren benutzen gerne Elemente des Krimis wie auch des Schauerromans oder anderer Unterformen der fantastischen Literatur, um die Spannung ihrer Texte zu steigern. Diesen Hang zum Fantastischen findet Furrer besonders bemerkenswert, weil die turkische Literatur sich bisher weitgehend durch eine starke sozialrealistische Tradition auszeichnete. Bei Ihsan Oktay Anar geht dieser Hang so weit, dass die Fiktion die historische Faktenlage fast vollig uberdeckt. Dennoch sieht Furrer auch hier eine "revisionistische" Sichtweise der Geschichte am Werk: Durch die starke satirische Komponente, die sich u.a. in der Verspottung von Militarismus und die populare Historiographie aussere, nehme Anar Stellung gegen die Instrumentalisierung mythischer oder historischer Vergangenheit fur nationalistische Zwecke (196).

* Hybrid ist die neue Darstellung von Geschichte im turkischen Roman auch hinsichtlich der Gestaltung der Zeitdifferenz Vergangenheit-Gegenwart: Sie wird ausgedruckt etwa durch einen bewusst gesetzten Anachronismus oder durch die Distanz zwischen Erzahlern und Figuren (wie in Nedim Gursels Bogazkesen, in dem der Erzahler in der Gegenwart Kommentare zur erzahlten Vergangenheit abgibt). Gestaltet kann sie auch werden, indem der Autor bewusst eine Sprache wahlt, die der Gegenwart des Lesers nicht mehr entspricht. Verklammert werden die verschiedenzeitlichen narrativen Ebenen oft durch immer den gleichen Ort (meistens Istanbul als Ort der Handlung), der beim Leser die Erwartung schafft, dass die erzahlten Geschichten in irgendeiner Weise zusammengehoren (210).

Was kann der Leser nun aus diesen Texten als Sinngebung fur die Gegenwart herauslesen? Furrer geht davon aus, dass Texte uber die Vergangenheit Auskunft geben uber Geschichtsbilder der Gegenwart und den Wandel in ihnen. An der Darstellung Mehmets II. in der Literatur beispielsweise kann sie zeigen, wie sich die Sicht der Osmanen als negatives, dekadentes Gegenmodell zur turkischen

Republik in den letzten Jahren in der offentlichen Diskussion zum Positiven verkehrte und eine Osmanennostalgie hervorrief. Vorstellungen von innerer Differenz und ethnischer und religioser Vielfalt, wie sie sich in diesen Texten aussern, zeigen, dass die "autoritativen Deutungen der Huter der Tradition" (236) uber die Geschichte inzwischen in der Turkei an Boden verlieren. Furrer konstatiert ein "entspannteres Verhaltnis zur Geschichte", das auch Mehrstimmigkeit, Widerspruchlichkeit und Komplexitat zulasse.

Allerdings sieht sie auch eine Gefahr: Da Geschichte in den neueren literarischen Geschichtsdeutungen immer mehr zur Projektionsflache verschiedener Gruppen werde und ein "beschleunigter Prozess der Infragestellung uberkommener Deutungsmonopole, in dem sich nun offenbar jeder seinen eigenen Osmanen schafft'" (237) stattfinde, liessen sich die neuen Tendenzen durchaus auch als Ausdruck fur die Instabilitat einer in sich gespaltenen Gesellschaft deuten, die zu keinem Konsens mehr finden kann. Doch bevorzugt Furrer eine optimistischere Interpretation: Das veranderte Verhaltnis zur Geschichte ist in ihren Augen ein Indiz dafur, dass sich die Turkei hin zur "Normalitat" einer pluralistischen Gesellschaft entwickelt.

Pluralismus, allerdings mit einem Haken: Die Geschichte der Frau vor der Zeit der turkischen Republik bleibt in der untersuchten Literatur weitgehend ausgeklammert. "Geschichten aus einer frauenlosen Welt" (243) wurden da erzahlt, konstatiert Furrer und bemangelt weiter die fast vollige Abwesenheit von Autorinnen im Bereich der literarischen Geschichtsdeutung. Damit hat sie sicherlich weitgehend Recht - nicht ganz einleuchtend ist mir allerdings gerade wegen dieser Kritik, warum sie eine der wenigen Ausnahmen, die Romanautorin Elif Safak, bei ihrer Wahl des Textkorpus nicht berucksichtigt hat. Ihre Begrundung, deren Roman Pinhan uber die Geschichte eines zweigeschlechtlichen Derwisch sei "zu marchenhaft im Duktus und zu wenig einer bestimmten Epoche zuzuschreiben" (27), ist nicht recht nachvollziehbar, hat sie doch andererseits die Werke ihsan Oktay Anars, die stark fantastische Tendenzen haben und sich ebenfalls nicht an historischen Fakten orientieren, mit einbezogen, und ist doch das Marchenhafte und Fantastische ein Teil der von ihr fur die turkische literarische Behandlung von Geschichte aufgezeigten innovativen Tendenzen.

Zur Wahl des Textkorpus konnte man sicher noch einiges sagen das Thema Geschichte ist tatsachlich so prasent im turkischen Gegenwartsroman, dass sich ausser den gewahlten 13 Beispielen noch viele weitere Beispiele finden liessen, die Furrer nach Prufung auf die von ihr aufgestellten Kriterien (Publizitat, wichtige Rolle in der innerturkischen Diskussion um Geschichte und Roman in den 90er Jahren) mit einer ahnlichen Berechtigung hatte heranziehen konnen. Doch uberzeugt Furrers Studie nicht durch Quantitat, sondern durch Qualitat. Hatte sie Safaks Roman herangezogen, vielleicht hatten sich Furrers Ergebnisse noch wenigstens um eine weibliche Sichtweise der vorrepublikanischen Vergangenheit der Turkei erganzen lassen ansonsten aber gibt die Arbeit einen umfassenden Eindruck von den Wandlungen im literarischen Geschichtsbild der Turkei heute.

Furrers Buch ist nicht zuletzt auch deswegen eine wichtige Arbeit, weil es die turkische Literatur mit einem allgemeinen literaturwissenschaftlichen Anspruch untersucht. Damit ist es auf dem Feld der Arbeit mit turkischen literarischen Texten so innovativ in seinem Verfahren, wie es die von ihr untersuchten Texte im narrativen und thematischen Umgang mit der Geschichte sind. Untersuchungen turkischer literarischer Texte, die mit internationalen literaturwissenschaftlichen Konzepten arbeiten, sind sowohl innerhalb als auch ausserhalb der Turkei immer noch selten. Es ist zu hoffen, dass in Zukunft noch mehr Arbeiten wie diese entstehen, die bei der Beschaftigung mit der turkischen Literatur internationale Vergleichskategorien verwenden.

Borte Sagaster

University of Cyprus, Nicosia
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