Nils Johan Ringdal, Georg Valentin von Munthe af Morgenstiernes forunderlige liv og reiser.
Author: Schmitt, Rudiger
Pub Date: 01/01/2010
Publication: Name: Acta Orientalia Publisher: Hermes Academic Publishing Audience: Academic Format: Magazine/Journal Subject: Social sciences Copyright: COPYRIGHT 2010 Hermes Academic Publishing ISSN: 0001-6438
Issue: Date: Annual, 2010 Source Volume: 71
Accession Number: 300544847
Full Text: Nils Johan Ringdal, Georg Valentin von Munthe af Morgenstiernes forunderlige liv og reiser. Oslo: Aschehoug, 2008. 798 S., 32 Tafeln. ISBN 978-82-03-18833-6.

Georg Morgenstierne (im folgenden: GM), mit vollem Namen Georg Valentin von Munthe af Morgenstierne (*Kristiania 3.1.1892, [dagger]Oslo 3.3.1978), war einer der fuhrenden Indoiranisten seiner Zeit, ein Pionier der indoiranischen Dialektforsehung beiderseits der indoarisch-iranischen Sprachgrenze an Pamir und Hindukusch und als Professor fur indische Sprache und Literatur in Oslo (1937-1962) zugleich eine einflussreiche Personlichkeit in Norwegens Geistesleben nach dem II. Weltkrieg (11). Kaum ein Geisteswissenschaftler ist mit einer so umfangreichen Biographie gewurdigt worden wie GM mit dem vorliegenden Werk, dessen Verfasser (Historiker und Sachbuchautor, kein Sprachwissenschaftler) von dem bekannten Verlag dazu den Auftrag erhielt. Kaum ein Biograph durfte aber auch so umfangreiches authentisches Quellenmaterial zur Verfugung gehabt haben: GMs eigene Publikationen, darunter Zeitungs- und Lexikonartikel; autobiographische Notizen von 1969 v.a. uber Jugend- und Studienzeit; 19 Bande Tagebucher uber seine Reisen (von denen nur das uber die Reise von 1929 nach Chitral von seiner Tochter publiziert worden ist (12)); zahllose Briefe von seinen Reisen (v.a. fur die Jahre 1916-1967 Briefe an seine Frau); Akten und Archivalien von Institut, Universitat, Akademie und Instituttet for Sammenlignende Kulturforskning; Interviews mit Familienmitgliedern (v.a. Tochter Eva), Schulern, Freunden und Kollegen; alles in allem eine riesige, in der Nationalbibliothek aufbewahrte Datenbasis.

GM, Sohn eines Professors fur Rechtswissenschaft, studierte ab 1909 Klassische Philologie, wandte sich dann, da Sten Konow (dessen Stieftochter GM 1918 heiratete) sein Interesse fur die alten indoiranischen Sprachen weckte, der Indologie und Indogermanischen Sprachwissenschaft zu, ging 1914/15 nach Bonn und schloss sein Studium in Berlin (bei Heinrich Luders und Wilhelm Schulze) Mitte November 1918 mit der Promotion ab (wohl der ersten Promotion nach dem Ende des Kaiserreiches), die sich durch die Kriegsverhaltnisse verzogert und am Ende zu einem Kampf gegen die Windmuhlen der preussischen Burokratie entwickelt hatte. Ringdal schildert breit die Familiengeschichte und Familienverhaltnisse (v.a. die Bildungsreise der ganzen, sechskopfigen Familie samt Dienstmadchen bis nach Griechenland und Agypten 1902/03, uber die der Elfjahrige einen Zeitungsartikel sehrieb) vor dem Hintergrund der Zeitumstande, des damaligen Bildungswesens, des Standes der Sprachwissenschaft in Kristiania usw., und er wurdigt GMs Lehrer. Da Sten Konow (der von 1914 bis 1919 Professor in Hamburg war) nach Kristiania zuruckgekommen war, wandte sich GM 1920/21 dem Iranischen zu und nahm sich 1923 vor, durch langere Feldforschung (die dann das neugegrundete Kulturforschungsinstitut finanzierte) sich einen vollstandigen Uberblick uber die Sprachgeographie Afghani stans zu verschaffen und die Grenzlinie zwischen iranischen und indoarischen Sprachen und Dialekten scharfer zu ziehen.

Auf der im Anschluss an eine halbjahrige Indienreise mit seiner Frau unternommenen ersten Afghanistanreise 1924 in politisch schwieriger Zeit (296-363) eignete er sich zunachst systematisch Pashto und seine Dialekte (v.a. Wanetsi) an und sammelte darnach Material fur verschiedene Sprachen, v.a. Ormuri, Parachi und Pashai; aber seine Absicht, die seinerzeit noch allgemein "Kafirsprachen", heute Nuristan-Sprachen genannten Idiome naher zu erforschen, konnte er nicht realisieren, weil die Regierung in Kabul ihm die Erlaubnis zur Reise dorthin verweigerte. Auf der zweiten grossen Reise, die ihn 1929 nach Chitral fuhrte--in Peshawar erfuhr er im Marz 1929 von seiner Berufung auf die Professur in Goteborg, die er nach seiner Ruckkehr 1930 antrat--, konnte er dann u.a. Aufnahmen von Waigali und Prasun sowie den Dardsprachen Kalasha und GawarBati machen. Spatere Reisen fuhrten ihn zwischen 1949 und 1974 wiederum mehrfach nach Afghanistan, Indien und dann auch Iran. Unermudlich hat er dabei Unmengen von Sprachmaterial in zahllosen Sprachen und Dialekten zusammengetragen (auch Ton- und Filmaufnahmen), weit mehr, als er selbst bearbeiten und veroffentlichen konnte. Auf den letzten Reisen, auf denen es ihn immer wieder zu Orten zog, wo er schon fruher Sprachaufnahmen gemacht hatte, musste er oft feststellen, wie sehr manche dieser kleineren Sprachen und Dialekte mittlerweile in ihrer Existenz gefahrdet waren. GM hat in bahnbrechenden Arbeiten, insbesondere in seinem Hauptwerk, den sechs Teilbanden der Indo-Iranian Frontier Languages. I-IV (Oslo 1929-1973), etliche Sprachen des indisch-iranischen Grenzraums, die vorher kaum bekannt waren, erstmals der Forschung zuganglich gemacht (z.B. Parachi). Seit den fruhen 1920er Jahren reifte in ihm die Auffassung--ohne Zweifel seine wichtigste Entdeckung--, dass die "Kafirsprachen" Kati, Prasun, Waigali und Ashkun von den indoarischen Dardsprachen als eine eigenstandige Gruppe zu trennen sind, die den Uberrest eines eigenen dritten Zweiges innerhalb des Indoiranischen bildet, eine Auffassung, die er mehrfach spezifiziert hat, zuletzt in dem Aufsatz uber "Die Stellung der Kafirsprachen" (in GM, Irano-Dardica, Wiesbaden 1973, 327-343). Man muss Verf. aber darin zustimmen, dass er es bedauert (690), dass GM sich nie die Zeit genommen hat, dieses Problem monographisch zu behandeln, das gesamte Sprachmaterial auszubreiten und seine Argumente ausfuhrlich vorzulegen.

Etwas zu kurz kommt bei Ringdal, dass GM nicht nur durch Sprachbeschreibungen, sondem ebenso auch--er hatte ja Indogermanische Sprachwissenschaft studiert--durch sprachhistorisch orientierte Werke hervorgetreten ist: An Etymological Vocabulary of Pashto (Oslo 1927) (13) und Etymological Vocabulary of the Shughni Group (Wiesbaden 1974). Denn es zeichnet GMs ganze Forschung aus, dass er auch auf der Basis von geringem Sprachmaterial die phonologische und grammatische Struktur einer Sprache erkennen und aus den Besonderheiten ihrer Lautentwicklung ihre Einordnung und ihre verwandtschaftlichen Beziehungen begrunden konnte.

Zahlreiche Schilderungen Ringdals sind auch wissenschaftsgeschichtlich von grossem Interesse, etwa die uber GMs Besuch bei F. C. Andreas in Gottingen im Juli 1922 (233-245), uber dessen denkwurdige "seances nocturnes" und seine Frau Lou AndreasSalome oder uber das Verhaltnis von GM zu Sir George Grierson, dem Herausgeber des Linguistic Survey of India, der GMs konsequente Trennung von Dard- und Kafirsprachen nicht akzeptieren wollte, und andererseits das zu D. L. R. Lorimer, dem verdienstvollen Erforscher von Wakhi und Bumshaski. Lehrreich sind auch die Berichte uber seine Informanten, daruber, wie er von Sprechern besonderer Sprachen oder Dialekte horte und an sie herankam, und uberhaupt uber seine Arbeit mit ihnen. Aus grossen Planen, in die GM involviert war, ist nichts geworden: Der 1936 vorgelegte Plan eines iranischen vergleichend-etymologischen Worterbuchs, an dem die Grossen jener Zeit mitwirken sollten (vgl. 477), blieb Episode.--Der 1957 zusammen mit Georges Redard vorgestellte Plan eines iranischen Sprachatlas, der unter Beteiligung auch iranischer Mitarbeiter realisiert werden sollte (605ff. und ofter), stiess auf Widerstand und schlief, da in weiten Kreisen des Landes offenbar nicht gewollt, langsam ein; bei dem in Afghanistan unternommenen arallelversuch, der zuerst besser vorankam als der in Iran, kam dank Redards Einsatz jedenfalls eine grossere Materialsammlung zustande, die aber auch unveroffentlicht blieb.

Immer wieder streut Verf. fur eine breitere Leserschaft bestimmte Erlauterungen und Exkurse ein, die die Geschichte Indiens, Afghanistans und Persiens bzw. Irans zum Gegenstand haben oder Einblick geben in die Welt der fremden Religionen. Er erzahlt von GMs Treffen mit Fursten, Konigen und beruhmten Mannern (z.B. Tagore) und versucht, alles in allem, einen Beitrag zu leisten zum Verstandnis der heutigen Verhaltnisse in diesen Landern. Auch die Entwicklung und die grossen Fortschritte, die Afghanistan zwischen 1924 und 1962 gemacht hatte, arbeitet er anhand von GMs Beobachtungen deutlich heraus.

Die Zuverlassigkeit von Ringdals Ausfuhrungen lasst sich durch Vergleich mit GMs eigenen Angaben uberprufen, wo diese zuganglich sind, am besten also fur die Reisen nach Afghanistan 1924 (vgl. GM, Report on a Linguistic Mission to Afghanistan, Oslo 1926) und Chitral 1929 (vgl. GM, Report on a Linguistic Mission to North-Western India, Oslo 1932; Pa sprogjakt ... [vgl. oben Anm. 12]). Aber auf der anderen Seite finden sich auch Fehler uber Fehler, v.a. in dem umfangreichen Personenregister (731-785), das sich nicht nur auf die Biographie, sondem auch auf das gesamte Quellenmaterial bezieht. Neben vielen falsch geschriebenen Namen (Ahlsdorf, Boddruss, Gerschevitch, Skjervo, Tafazolli u.v.a.) stehen etliche falsche Charakterisierungen (etwa von L. Hammerich, E. Hermann, J. Knobloch und V. Thomsen als Iranisten). Lustig ist der Verweis bei M. Schwarz (d.i. Martin Schwartz in Berkeley) auf S. 131, denn dort ist nur die Rede von der hochsten Erhebung der Schnee-Eifel (namens "Schwarzer Mann"), wohin GM 1915 von Bonn aus einen Ausflug gemacht hatte.

Wiederholt schreibt Ringdal, Walther Hinz (1937-1945 und 1957-1975 Professor in Gottingen) sei (und zwar schon 1922 bei GMs Besuch in Gottingen) Schuler von F. C. Andreas gewesen (238, 489, 515); tatsachlich war Hinz im Sommer 1922 noch nicht einmal 16 Jahre alt; er hat 1926-1930 bei H. H. Schaeder in Leipzig studiert. Ebenso ist es unrichtig, dass der Prager Indologe Moritz (S. 502 "Maurice") Winternitz "solide ting i Andreas-tradisjonen" geschrieben habe. Uber Sprachwissenschaftler und (Indo-)Iranisten im III. Reich finden sich zum Teil recht tendenziose und vollig absurde Beurteilungen wie etwa die, dass Karl Hoffmann ein "aktiv antisemitt til sin dod" (515) gewesen sei. Und schlicht die Wahrheit verdreht wird mit der Behauptung (514), dass Wilhelm Eilers, der ubrigens bis dahin gar keine Professur innegehabt hat, nach dem Krieg derart kompromittiert gewesen sei, dass er nach Australien habe fliehen mussen! In Wirklichkeit war Eilers, seit 1936 Leiter der Aussenstelle des Deutschen Archaologischen Instituts in Isfahan, im September 1941 (nach dem deutschen Einmarsch in die Sowjetunion) von den Briten interniert worden, zuerst in Iran, spater (bis 1947) in Australien.

Solche Irrtumer sind irritierend und befremdlich, da die wenigsten norwegischen Leser des Buches sie korrigieren konnen; sie lassen deshalb beim Leser doch manchen Zweifel zuruck hinsichtlich Angaben, die er nicht selbst zu uberprufen vermag.

Schliessen will ich diese Rezension mit der Anregung, ein vollstandiges, moglichst genaues Verzeichnis von GMs Veroffentlichungen zu erstellen, da die bis jetzt vorliegende Bibliographie Kristiansens (vgl. Anm. 1, in Fortfuhrung von GM, Indo-Iranian Frontier Languages. IV, 1973, 239-254) nicht sorgfaltig genug ist. Nachzutragen ist dort auch, dass die als "In press: 3-4" aufgelisteten Artikel "Pasto" und "Paraci" in Band I der Encyclopaedia Iranica (ed. by E. Yarshater), London etc. 1985, 516-522 und 522-524 erschienen sind.

Rudiger Schmitt

Laboe

(11) Die wichtigsten Nachrufe auf GM sind G. Buddruss, Afghanistan Journal 5 (1978), 109-111; K. Kristiansen, Det Norshe Videnskaps-Akademi. Arbok 1978 (1979), 201 210; P. O. Skjaervo, Acta Orientalia 40 (1979), 5-10; F. Thordarson, Acta Iranica 21 ( 1981), 1-7.

(12) E.M. Lorentzen (mit K. Kristiansen und F. Thordarson), Pa sprogjakt i Hindukush. Dagboksnotater fra Chitral 1929, Oslo 1992.

(13) Bis zu seinem Tod sammelte GM Material fur eine verbesserte und erweiterte Neuauflage, die dank der Bemuhungen dreier Mitforscher jetzt in A New Etymological Vocabulary of Pashto (Wiesbaden 2003) vorliegt.
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