Heidrun Bruckner und Gabriele Zeller (Hgg.): Otto Bohtlingk an Rudolf Roth. Briefe zum Petersburger Worterbuch 1852-1885.
Article Type: Book review
Subject: Books (Book reviews)
Author: Lienhard, Siegfried
Pub Date: 01/01/2009
Publication: Name: Acta Orientalia Publisher: Hermes Academic Publishing Audience: Academic Format: Magazine/Journal Subject: Social sciences Copyright: COPYRIGHT 2009 Hermes Academic Publishing ISSN: 0001-6438
Issue: Date: Annual, 2009 Source Volume: 70
Topic: NamedWork: Otto Bohtlingk an Rudolf Roth. Briefe zum Petersburger Worterbuch 1852-1885 (Nonfiction work)
Persons: Reviewee: Bruckner, Heidrun; Zeller, Gabriele
Accession Number: 300652480
Full Text: Heidrun Bruckner und Gabriele Zeller (Hgg.): Otto Bohtlingk an Rudolf Roth. Briefe zum Petersburger Worterbuch 1852-1885. Bearbeitet von Agnes Stache-Weiske. Harrassowitz Verlag, Wiesbaden 2007 (Veroffentlichungen der Helmuth von Glasenapp-Stiftung, Band 45), XXI, 870 S. ISBN 978-3447-05641-0

Im ersten Brief dieser Sammlung spricht der in Russland geborene, als Mitglied der Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften seiner Geburtsstadt St. Petersburg wirksame Otto Bohtlingk (1815-1904) seinen Dank an Rudolf Roth (1823-1895), Tubingen, fur dessen freundliches Anerbieten aus, an dem Sanskrit-Deutschen Worterbuch (allgemein das Grosse Petersburger Worterbuch genannt) mitarbeiten zu wollen. Wie die Herausgeberinnen des Bandes mit Recht hervorheben, wird mit diesem Schriftstuck eines der grossten "Gemeinschaftsprojekte" der europaischen Indologie begrundet, dem sich ausser Rudolf Roth auch andere fuhrende Fachvertreter anschlossen. Es umfasst sieben schwere Bande im Quartformat und ist bis heute das in der Tat "grosse", immer noch massgebende Worterbuch der Sanskrit-Sprache geblieben. Sein erster Faszikel erschien im Jahr 1855, sein letzter im Jahr 1875. Andere namhafte Mitarbeiter waren u.a. Theodor Aufrecht, Theodor Benfey, Carl Cappeller, Adolf Friedrich Stenzler und Albrecht Weber. Mit den bescheidenen Worten "So Gott will, werden wir mit vereinten Kraften ein Werk zu Stande bringen, das den Weg zu einem kunftigen, allen Anforderungen der Wissenschaft entsprechenden Sanskrit-Lexicon anzubahnen geeignet sein mochte", beschliesst B(ohtlingk) den oben genannten, ersten Brief seiner bis zum 28. April 1885 aufrecht erhaltenen Korrespondenz mit R(oth).

Der Briefwechsel ist in vorbildlicher Weise ediert. Die Seiten VII-X enthalten das Vorwort der beiden Herausgeberinnnen, Gabriele Zeller und Heidrun Bruckner, die Seiten XI-XIII eine kurze Einfuhrung in die Textgestaltung von Agnes Stache-Weiske. Die Briefe B.s wurden vor funfzehn Jahren von G. Zeller in der Universitatsbibliothek Tubingen im Nachlass R.s aufgefunden. Leider fehlen die Antwortschreiben des Adressaten, doch "besteht", wie die Herausgeberinnen auf S. X bemerken, "weiterhin Hoffnung, dass die bislang vergebliche Suche nach den Gegenbriefen Roths doch noch von Erfolg gekront wird".

Den beiden Einleitungen folgen auf den Seiten XV-XVIII die Wiedergabe eines Briefes von B. (Nr. 118) sowie, auf den Seiten XX und XXI, einander gegenubergestellt, je eine ganzseitige Photographie in Schwarz-Weiss von B. und R. Die Photos sind Wilhelm Raus bekannter Photosammlung Bilder 135 deutscher Indologen (2., erweiterte und verbesserte Auflage von Bilder hundert deutscher Indologen, 1982, Veroffentlichungen der Helmuth von GlasenappStiftung, Band 23) entnommen. Bohtlingk macht den Eindruck eines heiter ausgeglichenen, freundlich erhabenen Menschen guten Mutes, als welcher er uns auch in seinen Briefen entgegentritt, wahrend Roth die Wirkung einer sehr ernsten, fast strengen Personlichkeit ausubt.

Hauptgegenstand der Briefe sind das P(etersburger) W(orterbuch) sowie die (Indischen) Spr(uche), (St.Petersburg 1870-73, Neuauflage Osnabruck 1966), die, wie "schon im Vorworte zum dritten Theile des Worterbuchs in Kurze angegeben worden" ist, "zu diesem in engster Beziehung" stehen. In der Regel versieht B. seine an R. gesandten Bogen mit "Fragen" zum Worterbuch, die er "gefalligst auf der Correctur oder brieflich zu erledigen" bittet. Fragen, welche die Spr. betreffen, kennzeichnet B. mit der Nummer des betreffenden Spruches (ab Brief 172). Fast funfhundert Briefe sind von B. an R. gegangen; der letzte (S. 854) endet mit dem friedvoll ausklingenden Postskriptum "Ich bin schon bei sumati" (im PW mit den Bedeutungsangaben 1. sumati f. 1) Wohlgesinntheit, Huld, Gnade; Gunsterweisung, 2) Andacht, Gebet, 3) Wohlgefallen usw. usw.). Der aufmerksame, mit dem Sanskrit wohlvertraute Leser gewinnt somit nicht nur einen vortrefflichen Einblick in den allmahlichen Fortschritt des PW, sondern vermag auch gut den zahlreichen Problemen nachzugehen, denen sich B. und R. und die ubrigen Mitarbeiter B.s gegenubergestellt sahen. Am Ende des Vorworts zu Band 1 des PW teilen B. und R. mit, dass ihre "Arbeit ... in der Weise getheilt worden" ist, "dass der Eine (Roth) die Literatur des Veda und der vedischen Hulfsbucher, sowie den Ayurveda des Sucruta bearbeitet und ausserdem den botanischen Namen seine Aufmerksamkeit zuwendet, wahrend die ubrige Literatur nebst der Anordnung des gesamten Materials vom Andern besorgt wird. Mancher Mangel des Worterbuchs wird seine Entschuldigung darin finden durfen, dass die beiden Bearbeiter desselben in einer Entfernung von einander wohnen, welche zu gross ist um auch nur vereinzelte Zusammenkunfte zu gestatten" (S. VII, r.Sp.).

Obwohl ihre Zusammenarbeit mehr als zwanzig Jahre umfasste, trafen sich die beiden Kollegen erst im Jahr 1866 - vierzehn Jahre nach der Absendung von B.s. erstem Brief an R. B. redet dort R. mit "Hochverehrter Herr Professor" an und unterzeichnet das Schreiben mit "Hochachtungsvoll und ergebenst O.B." Doch leitet B. seine Briefe schon ab Nr. 21 durchgehend mit der Anrede "Lieber Freund" ein, um sie in der Regel mit "Ihr treu ergebener O. B." zu beenden. Brief 311 ist mit "Ganz der Ihrige O. B." unterschrieben, Brief 69 mit "behalten Sie lieb Ihren treu ergebenen O. B." und Brief 89 sogar mit "In aller Anhanglichkeit Ihr O. B." Das in der Tubinger Universitatsbibliothek aufbewahrte Konvolut mit den Schreiben B.s an R.

beinhaltet 481 Briefe und 2 Postkarten. Absendeort der zwischen den Jahren 1852 bis 1868 verfassten Schreiben ist St. Petersburg, Absendeort der zwischen 1868 (Brief Nr. 347) und 1881 verfassten jedoch Jena, da B. im Jahr 1868 nach Jena umgezogen war. Der letzte Brief kam aus Leipzig (Nr. 484, abgesandt 1885). Das grosse Petersburger Worterbuch war 1875 zu Ende gefuhrt. Doch nahm B., unermudlich wie immer, in der folgenden Zeit seine Arbeit am kleinen pw, "dem Sanskrit-Worterbuch in kurzerer Fassung" in Angriff (Brief 473), das bekanntlich noch wortreicher wurde als das grosse PW. Im Jahr 1885 war Bohtlingk von Jena nach Leipzig gezogen, weil seine Frau sich nie in Jena einleben konnte und auch das Jenaer Klima nicht gut vertrug. Bohtlingk verbrachte also seine letzten 20 Jahre in Leipzig.

Die Textgestaltung lag in den Handen von Agnes Stache-Weiske, der Tochter der auf S. XIII genannten, allzu fruh verstorbenen Indologin Dr. Valentina Stache-Rosen, einer der begabtesten Schulerinnen Ernst Waldschmidts (Gottingen). Stache-Weiske kam ihrer Aufgabe in hervorrragender Weise nach: Sie transkribierte B.s Briefe und identifizierte--mit Hingabe und Genauigkeit--die im Text vorkommenden Personen in Fussnoten, die deren Erstnennung begleiten. Da sich sehr viele dieser biographischen Noten sowohl auf bekannte als auch--in diesem Fall besonders wichtig--wenig bekannte Sanskritphilologen beziehen, liefert Stache-Weiske hier einen wichtigen Beitrag zur Indologie-Geschichte, fur welchen ihr viele Leser dankbar sein werden. Der in vielfacher Weise anregende und umfangreiche Band gewinnt dadurch umso mehr an Bedeutung und Interesse. Samtliche in den Briefen genannten Personen sind im Personenregister am Ende des Buches (S. 857-870) mit Sorgfalt verzeichnet.

Jeder Leser wird aus der Briefsammlung Gewinn ziehen. Nur wenige Benutzer werden freilich B.s Fragen und Bemerkungen zur Ganze durchlesen, was ja erst dann wirklich ergiebig sein wurde, wenn uns auch R.s Antwortschreiben vorlagen. Zur Zeit werden, wer immer die Leser sein mogen, jedenfalls nur ganz bestimmte, den Leser bzw. die Leserin besonders interessierende Teile des von B. in Frage gestellten Wortmaterials studiert werden. Dies mag z.B. bei trinubha (S. 254) der Fall sein, zu dem B. bemerkt: "trinubha ubersetzt Burnouf durch dont le nombril supporte les trois mondes.

Ich nehme an dem dreinabelig grossen Anstoss. Spielen hier Nabel und Nabe nicht vielleicht ineinander?" Oder, interessant fur den Kunstinteressierten, paja (S. 357): "das 2te und 3te Beispiel werden wohl zu 2 gestellt werden mussen, und hier statt Platte. Tafel gesagt werden mussen: insbesondere eine besonders zubereitete Leinwand, auf die eine Schrift oder eine Malerei aufgetragen wird, so dass pa\a und patfa ... auseinander gehalten werden". Oder auch: "patfa 2. Sucr(uta) 2,14,10 falsch. Schliesslich komme ich auf den Gedanken, ob fur Malerei nicht bloss die Form pata Leinwand anzunehmen ist; dafur spricht auch das Beispiel aus Harivfamsa] 9988, wo es prastirya paftam heisst." Mancher Leser wird sich--wie schon B. selbst--an dem im Dasakumaracarita gebrauchten Kompositum ghumaksara ergotzen, das den "durch einen Holzwurm zufallig und ganz ausnahmsweise hervorgebrachte(n), einem Buchstaben ahnlich sehende(n) Einschnitt im Holze" bezeichnet (S. 204; im Pahcatantra falschlich als gunaksara wiedergegeben).

Wie nahe sich die beiden Kollegen trotz ihrer geographisch weit voneinander entfernten Wohnorte standen, verrat die Tatsache, dass B. einen Sohn auf den Vornamen Rudolph und R. einen Sohn auf den Vornamen Otto taufte. Auch hatte B. schon seit 1854 eine eingerahmte Photographie Rs. auf seinem Arbeitstisch stehen, die, wie er in Brief Nr. 28 ruhrend erwahnt, "mir in schweren Nothen treulich" beisteht.

In vielen Briefen klagt B. uber das schlechte Wetter in St. Petersburg (S. 20 und 23): "Wie beneide ich Sie um Ihr schones Klima", schreibt er an R. Er verabscheut den Schmutz und den Gestank auf den Strassen St. Petersburgs (S. 390), erwahnt die verschiedensten Gesundheitsprobleme, seine manchmal taglichen Bader im Meer, die Gartenarbeit sowie gewisse Hauskuren (wie z.B. das jeden Morgen vorzunehmende Waschen mit kaltem Wasser, S. 356, oder das Trinken von Mineralwasser gegen die Stockungen im Unterleib, S. 405). Er nimmt regen Anteil an Familienzuwachs, an Krankheiten und Todesfallen sowohl unter seinen eigenen als auch R.s Angehorigen. B.s und R.s Familien waren kinderreich und ihre Verwandtschaft sehr gross. Auf S. 64 nennt B. das politische Zeitgeschehen, hoffend, dass der bevorstehende Krimkrieg (1854-1856) den Fortgang des PW nicht gefahrde. Die ihm zuteil gewordenen, haufig sehr bedeutenden Auszeichnungen finden in der Regel nur kurze Erwahnung: Ende 1855 wurde B. in seiner Klasse der Kaiserlichen Akademie zum Ordinarius vorgeschlagen (S. 121) und 1861, im Alter von 46 Jahren, zum wirklichen Staatsrat mit dem Pradikat Excellenz befordert (S. 285). Funfzehn Jahre spater, im Jahr 1876, wurde er schliesslich Geheimrat (S. 817).

Viel Interessantes--und sogar Unterhaltendes--bietet B.s Korrespondenz auch in jenen Teilen, in welchen er sich uber den Charakter und die Arbeiten der Kollegen seiner Zeit ausspricht. Obwohl es diesen Teilen an Scharfe nicht fehlt, ist sein Urteil selten verletzend. Im Gegenteil, dieses gewinnt umso mehr an Glaubwurdigkeit als er seine Meinung offenherzig und ohne bose Gesinnung bekennt. Ausserdem stimmt B.s Auffassung gut mit jener anderer Zeitgenossen uberein. Das schlechteste Zeugnis erhalt uberraschenderweise Max Muller, Oxford, nicht allein von B.s Seite, sondern ganz allgemein. Er "soll in England einen sehr schlechten Ruf haben und nichts weniger als beliebt sein" (S. 416). Max Muller, Sohn des Dichters Wilhelm Muller (1794-1827)--bekanntlich einer der bedeutendsten romantischen Lyriker Deutschlands und Autor zahlreicher von Franz Schubert vertonter Gedichte--galt als stark egozentrisch: 'Ich bin der Herr, dein Gott, du sollst keine andern Gotter haben neben mir' (S. 11). Er sei nach B. zwar ein Mann von grossem Talent, doch sei es ihm, "wie man aus Allem ersieht, nicht sowohl um die Wahrheit, als um den momentanen Eindruck, die Popularitat, zu thun. Sein Darstellungsstalent kommt ihm dabei sehr zu statten" (S. 117). Einen nicht allzu guten Charakter wies scheinbar auch Theodor Goldstucker, London, auf (S. 129, 147), der gleichfalls ein Sanskrit-Worterbuch schrieb (Dictionary Sanskrit and English, extended and improved from the Second edition of the Dictionary of H. H. Wilson together with a Supplement, ... , Pt. 1-6, Berlin, London, 1858, 1864), und sehr gross war offenbar die Eitelkeit des franzosischen Sinologen Stanislas Julien. B. erwahnt sie zweimal (S. 80 und 113). Friedrich Ruckert ist schwerer zu beurteilen, da sich in ihm der Gelehrte mit dem Dichter vereint; trotzdem ruft B. in Brief 191 mit Bedauern aus: "Wie gern hatte ich einmal Ruckert's Ubersetzungen eines Spruches des Bhartrhari oder des Amarucataka aufgenommen, aber er hat sie in der Regel missvertanden". In so manchen Dingen umstritten war Theodor Benfey, Gotttingen--" er ist und bleibt ein elender Kerl" (S. 323)-doch gesteht B. mildernd, "dass er ein scharfsinniger Mann ist und dass seine Arbeitsfahigkeit eine enorme ist" (S. 247). Auch hier ware es interessant zu wissen, ob und wie R. auf diese Mitteilungen reagiert hat. Zur damaligen Zeit waren akademische Fehden moglicherweise mehr in der Mode als heute. Bestimmt lasst sich dies freilich nicht sagen.

Druckfehler begegnen in diesem mit grosser Umsicht herausgebenen Band ausserst selten: auf S. XII ist angedeuteten zu angedeutete zu verbessern, auf S. 734 ihmn zu ihm und S. 846 wir zu wird.

Der Entdeckung der Antwortbriefe von Rudolph Roth (seit 1873: von Roth) sieht die Fachwelt jedenfalls mit sehr grosser Spannung entgegen.

Siegfried Lienhard

Universitat Stockholm
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