Charles L. Wilkins, Forging Urban Solidarities. Ottoman Aleppo 1640-1700.
Author: Scharlipp, Wolfgang-E.
Pub Date: 01/01/2010
Publication: Name: Acta Orientalia Publisher: Hermes Academic Publishing Audience: Academic Format: Magazine/Journal Subject: Social sciences Copyright: COPYRIGHT 2010 Hermes Academic Publishing ISSN: 0001-6438
Issue: Date: Annual, 2010 Source Volume: 71
Accession Number: 300544844
Full Text: Charles L. Wilkins, Forging Urban Solidarities. Ottoman Aleppo 1640-1700. The Ottoman Empire and its Heritage Vol. 41. Leiden, Boston: Brill, 2010. 323pp. ISBN 978-9004-16907-4.

Dieses Buch ist die erweiterte Fassung einer Dissertation, die sich vor allem mit Art und Auswirkung von Besteuerung befasst, die nach Auffassung des Autors eine integrierende Funktion in der Gesellschaft des Osmanischen Reiches hatte. Er bezieht seine Informationen dabei aus verschiedenen Registern (sijill) aus der zweiten Halfte des 17. Jahrhunderts in Aleppo.

Ohne dem Ergebnis vorgreifen zu wollen, soll doch schon hier gesagt werden, dass ein Aspekt, der die Studie so interessant macht, ist, dass sie veranschaulicht, wie die Steuererhebung um die Wende zum 18. Jahrhundert in Aleppo sowohl mit Soldaten wie mit Geld und Material zur Durchfuhrung von kriegerischen Auseinandersetzungen auch in ganz anderen Gegenden des Osmanischen Reiches beigetragen hat.

Die Arbeit besteht aus drei Teilen, von denen sich der erste mit der Auswirkung der Steuererhebung und dem Einziehen von Zivilisten zum Militar auf die einzelnen Stadtviertel (mahalle) beschaftigt. So werden z.B. Falle vorgestellt, in denen Widerstand in einem Viertel gegen abrupte Steuererhohungen Solidaritaten zwischen verschiedenen Bevolkerungsgmppen bewirkte. Es konnte geschehen, dass Steuerzahler, insbesondere ira Falle von zusatzlich erhobenen Steuern, durch gegenseitige Unterstutzung die schwierige Situation armerer Mitglieder des Viertels verminderten. Es scheint selbstverstandlich gewesen zu sein, dass in solchen Fallen das enge Leben nebeneinander und eine religios bedingte Bereitschaft zur Hilfe dazu fuhrten, reichere Mitbewohner den armeren Geldsummen zukommen liessen, damit diese ihre Steuerschulden bezahlen konnten. Nichtsdestoweniger deuten Einspruche gegen die H6he zusatzlicher Steuern auch reicherer Burger darauf hin, dass diese ais Verpflichtung empfundenen Hilfen durchaus als Belastung empfunden wurden (S. 110).

Der zweite Teil beschaftigt sich mit der Integration und dem Zusammenhalt von militarischen Organisationen in der Stadt. Es wird untersucht, inwieweit Solidaritat innerhalb dieser Gruppen bestand, wie auch die Frage, welche Privilegien sie sich innerhalb der Bevolkerung beschafften. Erwahnt werden soll hier nur ein einziger interessanter Aspekt, namlich dass Angehorige des Militars Bucher uber Abgaben der Einwohner falschten, um noch mehr Steuern aus der Bevolkerung pressen zu konnen.

Wie bekannt spielten die beruflichen Gilden im Reich eine einflussreiche Rolle. Auch deren Verhalten wird untersucht. In Teil III wird gezeigt, wie Gilden sich verhielten, entweder sich veranderten oder zusammenhielten. Unterschiedliche Gilden verhielten sich auf unterschiedliche Weise, was auch das Verhaltnis zwischen den verschiedenen Gilden betraf, wie etwa deren Verhaltnis zum Militar. Wahrend die Beschaftigung mit dem Studium der Wohnviertel insbesondere den Druck der Besteuerung deutlich macht, und das Studium der militarischen Einrichtungen im Rahmen der Taxierung die unklare Verteilung der Soldaten innerhalb der "civil society" verdeutlicht, illustriert das Studium der Gilden diese verschiedenen Probleme innerhalb einer einzigen Institution. Der Verfasser weist in dieser Hinsicht auf den Konflikt zwischen den unternehmerischen Impulsen auf der einen Seite und den emanzipatorischen Impulsen unter den Mitgliedem der Gilden hin, die Schaffung von Fuhrungsstrukturen besonders zu Zeiten des Druckes, den Kriegsvorbereitungen mit sich brachten.

Osmanische Gerichtsakten (sijill) sind bekanntlich in der Vergangenheit die Grundlage zahlreicher Studien zu verschiedenen sozialen, administrativen, wirtschaftlichen, juristischen Aspekten der Geschichte gewesen. Der Zustand der sijills kann von Stadt zu Stadt recht unterschiedlich sein, aber diejenigen von Aleppo scheinen sich als besonders ergiebig zun erweisen. Mehrmals schon waren sie Gegenstand der Forschung, weil sie u.a. Informationen uber eine Vielzahl von Transaktionen geben, einschliesslich Landverkaufe, Kreditvertrage, Erbschaftsdokumente, Petitionen an die Verwaltung, Einspruche gegen Entscheidungen, Kriminalfalle und nicht zuletzt Heirats- und Scheidungsurkunden. Eine besondere Art von Urkunden, die waqf-Dokumente, die eine Vielzahl von Informationen geben, werden, wie es ublich ist, gesondert behandelt.

Was sich insgesamt aus den Untersuchungen dieser Dokumente aus Aleppo ergibt, ist ein neuer Einblick in die komplexen Beziehungen, die gegenseitigen Beeinflussungen wahrend einer Kriegszeit zwischen dem militarischen Apparat auf der einen und den sozialen Solidaritatsgruppen einer Ortschaft auf der andren Seite. Um diese, naturlicher Weise Komplikationen in sich bergenden, Beziehungen zu stabilisieren, fuhlte sich der Staat gezwungen, Reformen durchzusetzen, die durch die Regulierung des Steuersystems zu einer gerechteren Besteuerung fuhren sollten. Der Verwaltungsapparat war erstaunlich aufmerksam und entgegenkommend, was Beschwerdefalle in Steuerfragen betraf, und was die Grosswesire aus der "Dynastie" der Koprulus zur Einfuhrung eines gerechteren Steuersystems veranlasste. Die dadurch erstarkte Solidarisierung des Staates, so interpretiert der Verfasser (S. 290) war schliesslich die Ursache Fur die Fahigkeit des Osmanischen Reiches, auf lange Zeit materiell aufwandige kriegerische Auseinandersatzungen zu uberstehen.

Die Untersuchung macht auch deutlich, dass die Kriegfuhrung des gesamten Staates sich auf Gegenden dieses Staates auswirkte, die von den Auseinandersetzungen nicht direkt betroffen waren.

Mag auch letztere Erkenntnis weder neu noch uberraschend sein, ist es dem Verfasser doch gelungen, diese These durch seine detaillierte Studie, die auch von reichen Statistiken profitiert, uberzeugend zu untermauern. Das Buch ist meines Erachtens fur den allgemeinen Turkologen zu spezialisiert, aber sicherlich von grossem Interesse fur den historisch ausgerichteten Osmanisten und fur Historiker des Nahen Ostens uberhaupt.

Wolfgang-E. Scharlipp

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