Between the homeland Romania and the dream of the Crimea: the origins of the national consciousness of the Dobrudja Tatars and its development to the present day/Zwischen rumanischer Heimat und dem Traum von der Krim : das Nationalbewusstsein der Dobr Anfangen bis in die Gegenwart.
Article Type: Essay
Subject: Crimean Tatars (Political activity)
Identity (Social aspects)
Minorities (Political activity)
Nationalism (History)
Nationalism (Analysis)
Social movements (History)
Author: Adam, Volker
Pub Date: 01/01/2009
Publication: Name: Acta Orientalia Publisher: Hermes Academic Publishing Audience: Academic Format: Magazine/Journal Subject: Social sciences Copyright: COPYRIGHT 2009 Hermes Academic Publishing ISSN: 0001-6438
Issue: Date: Annual, 2009 Source Volume: 70
Topic: Event Code: 290 Public affairs
Product: Product Code: 9103570 Nationalism NAICS Code: 92812 International Affairs
Geographic: Geographic Scope: Romania Geographic Code: 4EXRO Romania
Accession Number: 300652467
Full Text: Abstract

The Romanian Dobrudja has been for generations the home of a small Tatar minority which is made up of different ethnic subgroups, in particular Crimean Tatars and Nogais. With the rise of reform movements in the late Ottoman Empire, some local intellectuals who were inspired by Young Turk thinking called for a modernisation of the Muslim educational system in the Dobrudja and a more active participation of the Muslim minority in Romania's political life. These activities led to the emergence of a Turkish language press in Romania and finally gave birth to an organised national movement among the Dobrudja Tatars at the end of the 1920s, which lasted until 1945. Its main aim was to implement an explicit Tatar identity among the Diaspora which centred around the Crimea as the historical homeland of all Tatar groups. This longing for the Crimea was suppressed during the communist period, but reappeared in the early 1990s. The present article analyses the emergence of a Crimean Tatar national consciousness in the Dobrudja during the 20th century and bases its arguments on printed material in the Turkish, Tatar and Romanian languages.

Keywords: Crimean Tatars, Romania, Dobrudja, Muslim minority, ethnic consciousness, national movement, language policy, Turkish language press, Tatar literature, history 1900-2000.

Seit Beginn der 1990er Jahre manifestiert sich nicht nur auf der Krim, sondern auch in der rumanischen Dobrudscha wieder ein krimtatarisches Nationalbewusstsein, wie man es nach dem Zweiten Weltkrieg an den Gestaden des Schwarzen Meeres lange nicht mehr anzutreffen glaubte. Zwar erlitten die Tataren Rumaniens nicht das Drama einer Deportation, doch wurde unter ihnen jedwedes Gedenken an die Krim uber Jahrzehnte staatlicherseits unterdruckt. Zudem sahen sie sich seit den 1960er Jahren einer gezielten sprachlichen Rumanisierungspolitik ausgesetzt. Umso mehr uberrascht die kleine Minderheit der Dobrudschatataren zu Beginn des 21. Jahrhunderts durch eine beeindruckende Zahl an muttersprachlichen Publikationen und durch eine in ihrer Presse lebhaft gefuhrte Diskussion uber Fragen der ethnischen Identitat, der tatarischen Geschichte und Sprache. (1) Die heutigen Reprasentanten der 1990 gegrundeten "Demokratischen Union der muslimischen Turk-Tataren Rumaniens" (UDTTMR--Uniunea Democrata a Turco-Tatarilor Musulmani din Romania) sehen sich dabei in der Tradition der ersten Generation nationaler Aktivisten, die in den 1930er Jahren den Grundstein fur ein (krim)tatarisches Bewusstsein in der Dobrudscha gelegt hatten. Der folgende Beitrag mochte einen historischen Uberblick uber die Entstehung und Festigung dieses Nationalbewusstseins in der rumanischen Diaspora von den Anfangen bis in die heutige Zeit geben und dabei besonderes Augenmerk auf das Schrifttum der Tataren legen. (2)

Der historische Hintergrund

Die Dobrudscha, deren nordlicher Teil heute zu Rumanien zahlt und deren sudliche Provinzen zu Bulgarien gehoren, ist seit dem Mittelalter von turksprachigen Volkern besiedelt worden. (3) Hier trafen die nordlichen, kiptschakischen Auslaufer der turkischen Westwanderung mit den sudlichen, ogusischen zusammen, wobei das kumanisch-kiptschakische und spater das tatarische Element lange Zeit uberwog und der Region seinen pragenden Stempel aufdruckte. So sprechen europaische Karten des 18. Jh. denn auch von der tatarischen Dobrudscha bzw. "Dobruzischen Tatarei". (4) Welche nachhaltigen Spuren die tatarische Prasenz auf diesem vergleichsweise kleinen Territorium hinterlassen hat, lasst sich daran erkennen, dass rumanische Behorden nach der Annexion der Norddobrudscha Ende des 19. Jh. dort nicht weniger als 700 tatarische Friedhofe zahlten, deren Gesamtflache grosser als die der noch existierenden tatarischen Dorfer gewesen sein soll. (5)

Der Islam hielt im 13. Jh. Einzug in die Dobrudscha, die im fruhen 15. Jh. Teil des Osmanischen Reichs wurde und dies bis 1878 blieb. Die ethnische Zusammensetzung der turksprachigen Bevolkerung in der Dobrudscha uber die Jahrhunderte hinweg aufzuzeigen, bildet ein schwieriges Unterfangen. (6) Zur alteingesessenen, bislang noch unzureichend erforschten tatarischen Bevolkerung stiessen im Verlauf des 16. bis zum Ende des 19. Jh. zahlreiche tatarische Emigranten aus dem Budschak, Jedisan ebenso wie von der Krim-Halbinsel und den ihr angrenzenden Steppenregionen. Die Osmanen ihrerseits siedelten anatolische Turkmenen, darunter auch solche schiitischen Glaubens (die sog. Kizilbas), in der Dobrudscha an. Da die Dobrudscha als Ausgangsbasis fur osmanische Feldzuge gegen Norden diente, entstand hier auch aus muslimischen Janitscharen und Einheimischen eine turkisch-wallachische Mischbevolkerung, die im 16./17. Jh. unter dem Namen citak bekannt war. (7) Zur muslimischen Bevolkerung des 19. und fruhen 20. Jh. muss man noch die Tscherkessen, die nach ihrer Flucht aus Russland 1860 in der Dobrudscha angesiedelt aber bereits 1876 nach Asien umgesiedelt wurden, (8) und die muslimischen Roma zahlen. (9) Letztere sprachen zu einem grossen Teil Turkisch, (10)" einige aber auch Tatarisch. (11) Daruber hinaus existierten noch kleinere Gruppen von Albanern, Lasen, Kurden und sogar Arabern, die jedoch im Zeitraum nach 1878 keine grossere Rolle mehr spielten.

Aufgrund der strategisch exponierten Lage der Dobrudscha erlebte das Land infolge militarischer Konflikte immer wieder grossere Bevolkerungsverschiebungen. Seit dem Ende des 16. Jh. waren die Dobrudschamuslime Attacken durch die Kosaken ausgesetzt und wahrend der verheerenden russisch-osmanischen Kriege des 18. und fruhen 19. Jh. entvolkerte sich die Dobrudscha mehr als einmal. (12) Fluchtbewegungen in den Suden sowie nach Anatolien und Neubesiedlungen nach dem Ende der Kampfe gehorten zum Alltag der Dobrudschabewohner. Besonders der Krieg von 1829 hinterliess furchtbare Zerstorungen: Zeitgenossischen Reisenden galt die Dobrudscha als verarmte und entvolkerte Provinz des Osmanischen Reiches. (13) Die osmanische Regierung bemuhte sich in den darauf folgenden Jahrzehnten daher Emigranten ins Land zu holen, um die Bevolkerungszahlen und somit die wirtschaftlichen und militarischen Kapazitaten der Region zu erhohen. Es bot sich fur die Osmanen an, in der Dobrudscha wegen ihrer geographischen Nahe und historischen Verbundenheit zur Krim tatarische Neuankommlinge anzusiedeln. Schon 1812 waren Nogaier aus dem Budschak (Sudost-Bessarabien) in die Dobrudscha emigriert. (14) Der grosste Teil der tatarischen Einwanderer, schatzungsweise 60-100.000, kam jedoch im Zuge des Krimkrieges zwischen 1856 und 1865 von der Halbinsel selbst. (15) Aus den Reihen dieser zuletzt eingewanderten Tataren ging in den folgenden drei Generationen die politische und intellektuelle Fuhrungselite der Dobrudschatataren hervor. Diese kulturelle Elite bemuhte sich seit Beginn des 20. Jh. darum, die verschiedenen tatarischen Bevolkerungselemente in der Dobrudscha (Kabail-Tataren, Nogaier, Taten, Keric/Congar-Tataren bzw. Steppentataren) (16) zu einer einheitlichen Nation verschmelzen zu lassen, die sich alle als Erben des Khanats verstehen und sich mit dem Schicksal der Krim identifizieren sollten.

Was das tatarische Element betrifft, so sprechen die osmanischen Quellen fur das fruhe 19. Jh. von sogenannten Kabail-Tataren in der Dobrudscha (insbesondere im Gebiet Babadag). Die Kabail-Tataren bewahrten bis in die Mitte des 19. Jh. eine eigene interne (auch militarische) Struktur mit einem erblichen Khan an der Spitze, der zugleich auch offizieller osmanischer Gouverneur (kaimakam) war. (17) Der Terminus kabail ("Stamme") besass keine ethnischen Implikationen, sondern bezeichnete im osmanischen Sprachgebrauch diejenigen Tataren, die schon vor den 1840ern in der Dobrudscha ansassig waren. (18) In den 1820er Jahren stiessen zu diesen alteren tatarischen Bewohnern nogaische Grossfamilien aus Bessarabien, die auch in der Dobrudscha noch eine lange Zeit eine halbnomadische Lebensweise beibehielten. Die dann in der Folge des Krimkrieges einsetzende Fluchtbewegung von der Halbinsel selbst wurde von den Osmanen gezielt genutzt, um in der Dobrudscha neue Dorfer aber auch stadtische Zentren entstehen zu lassen. (19) Das beruhmteste Beispiel fur die osmanische Stadtplanung der damaligen Zeit bildet Mecidiye (Medgidia), benannt nach Sultan Abdulmecid, das 1856 auf der Strecke zwischen Cernavoda und Kostence (Constanja) gegrundet wurde. In der von 1878 bis 1913 und nach 1940 zu Bulgarien gehorenden Suddobrudscha erlebten Pazarcik (Bazargic) und Balcik (Balcic) die grosste Einwanderung von Krimtataren. (20) Dobroudja roumaine.

Medgidia entwickelte sich rasch zu einem Zentrum tatarischer Wirtschaft und Kultur in der Dobrudscha--nicht zuletzt aufgrund der Tatsache, dass viele Emigranten aus stadtischen Zentren wie Gozleve oder Kerc gekommen waren. Dem demographischen und wirtschaftlichen Aufschwung Medgidias folgte auch eine politische Aufwertung: Medgidia stieg Anfang der 60er Jahre des 19. Jh. zur Distrikthauptstadt auf. Diese Entwicklung fuhrte zu einer Verschiebung im Krafteverhaltnis zwischen den verschiedenen tatarischen Gruppen: Der politische Einfluss der Kabail-Tataren ging rapide zuruck, wahrend die Neuankommlinge von der Halbinsel--von der osmanischen Regierung unterstutzt--zum bestimmenden Faktor in der Dobrudscha wurden. Ihr z.T. selbstherrliches Auftreten als Reprasentanten einer (aus ihrer Sicht) uberlegenen, sesshaften Kultur fuhrte in den 50er und 60er Jahren zu heftigen Auseinandersetzungen mit den noch uberwiegend nomadischen Nogaiern. (21) Tatsachlich ist auch noch fur die erste Halfte des 20. Jh. belegt, dass Nogaier und Krimtataren in getrennten Dorfern lebten und die Bewohner derselben mehrheitlich unter sich blieben. (22) Insgesamt lasst sich festhalten, dass viele der Auswanderer aus den Jahren 1856-65 das Kapital, das sie aus Russland mitbringen konnten oder vom Osmanischen Reich bei der Neuansiedlung erhielten, erfolgreich anzulegen wussten und somit den Grundstein fur einen gewissen Wohlstand legten, der den tatarischen Gemeinden ein Uberleben nach dem Ruckzug des Osmanischen Reiches 1878 ermoglichte. (23) Dies gilt auch fur den kulturellen Sektor, bedenkt man die Versorgung der muslimischen Bevolkerung mit Moscheen, Koranschulen und Medresen, (24) die in der Dobrudscha zufrieden stellender war als in manchen Teilen Anatoliens.

Was die Bevolkerungsentwicklung angeht, so liegen hochst ungenaue Angaben vor. In jedem Falle lebten in dem 1878 Rumanien angegliederten Teil der Dobrudscha nach dem russisch-osmanischen Krieg mehr Tataren als Turken. (25) Von den schatzungsweise 50.000 Muslimen, die nach 1878 in der Dobrudscha geblieben sind, durften 30.000 Tataren gewesen sein. Aufgrund des jahrzehntelangen Streites zwischen Bulgaren und Rumanen um die nationale Zugehorigkeit der Dobrudscha sind Bevolkerungsstatistiken aus dem Zeitraum 1878-1940 allerdings mit Vorsicht zu geniessen. (26)

Die Geschichte der Muslime unter rumanischer Herrschaft lasst sich in folgende funf Abschnitte gliedern: 1878-1913; 1913-1918; 1919-1944; 1945-1989 sowie 1990 bis heute.

1878-1913: von der Annexion der Nord- bis zur Annexion der Suddobrudscha

In den ersten Jahren nach der Annexion 1878 entwickelten rumanische Behorden erst allmahlich ein Interesse an der Dobrudscha, deren Bewohner zwar Burger Rumaniens wurden, aber bis 1909 vom Wahlrecht ausgeschlossen blieben. In Memoranden, die fur die Regierung angefertigt wurden und in denen der wirtschaftliche Nutzen der neuen Provinz und ihrer Bewohner fur das Konigreich untersucht wurde, wurden die Qualitaten der Dobrudschamuslime recht unterschiedlich bewertet. (27) Fur die Muslime stellten der Krieg 1877/78 und die Abtretung der Dobrudscha an eine christliche Macht einen Schock dar. Viele Muslime hatten schon wahrend der Kriegshandlungen ihre Heimat verlassen, andere entschlossen sich auszuwandern, als der Berliner Kongress die Dobrudscha Rumanien zuschlug. Zwar kam es auch wieder zu Ruckwanderungen, insbesondere im Falle der Tataren, (28) doch setzte sich der Bevolkerungsruckgang der Muslime bis zum Ende des 19. Jh. kontinuierlich fort. Innerhalb weniger Jahrzehnte verwandelte sich der Charakter der Dobrudscha und die einstigen muslimischen Herren wurden zu einer kleinen Minderheit in ihrer eigenen Heimat. Die Grunde fur die massenhafte Emigration der muslimischen Bevolkerung auf osmanisches Territorium muss man in folgenden Umstanden suchen: (29)

--Misstrauen gegenuber einer christlichen Regierung

--das neu eingefuhrte Bodenrecht von 18823 (30)

--die rumanische Kolonisation

--die Wehrpflicht in einer christlichen Armee (31)

--Ungerechtigkeiten rumanischer Beamter gegenuber Muslimen (z.B. Ausnutzung von mangelnden Kenntnissen der rumanischen Sprache und Landesgesetze zwecks personlicher Bereicherung) (32)

--die politische Benachteiligung der muslimischen Dobrudschabevolkerung gegenuber anderen Bewohnern Rumaniens (Ausschluss vom Wahlrecht bis 1909)

--bessere Karrieremoglichkeiten im Osmanischen Reich fur Muslime mit hoherem Schulabschluss. Studenten kehrten aus dem Osmanischen Reich meist nicht zuruck, sondern blieben dort.

--Verwandtschaftliche Beziehungen zu bereits nach Anatolien emigrierten Muslimen (33)

--die grosse Durre von 1899

Diese Auswanderungen vermitteln den falschen Eindruck, der rumanische Staat habe die Muslime bewusst vertrieben. Davon konnte jedoch keine Rede sein. Vielmehr bemuhte sich die Regierung seit Anfang an darum, den religiosen, kulturellen und wirtschaftlichen Interessen der Muslime entgegenzukommen. Auf der Basis des im Marz 1880 erlassenen "Gesetzes zur Organisation der Dobrudscha" und eines Erganzungsgesetzes von 1882 versprach der Staat, die notigen Mittel zur Verfugung zu stellen, um den Dienst an Moscheen und muslimischen Schulen zu gewahrleisten. Daruber hinaus wurden 1886 muslimische Gerichte ins Leben gerufen. Die Angestellten der Gerichte wie der Moscheen und Schulen wurden vom Staat bezahlt. (34) An der Spitze der religiosen Hierarchie standen die beiden, rechtlich gleichgestellten Muftis von Constanta und Tulcea. Nach anfanglicher Zuruckhaltung begannen die Oberhaupter der Muslime Ende des 19. Jh. die Politik der Regierung zu wurdigen und die eigenen Landsleute zum Bleiben aufzurufen. (35) Sie wiesen dabei immer wieder auf die Unterschiede in der Behandlung muslimischer Minderheiten zwischen Rumanien und Staaten wie Bulgarien oder Russland hin. (36) So wurde die Einweihung der grossen Moschee in Constanta durch Konig Carol I im Jahre 1913 muslimischerseits als demonstrativer Beweis rumanischer Toleranz empfunden. (37)

Um die Bildungssituation der Muslime zu verbessern, entschloss sich die Regierung 1880, die altehrwurdige Medrese von Babadag als Ausbildungsstatte fur kunftige Imame und Lehrer zu nutzen, (38) doch konnte der Unterricht erst 1889 aufgenommen werden. Die Studenten sollten neben islamischen Wissenschaften und Arabisch auch zusatzlich die Landessprache auf einer rumanischen Schule lernen. Um ihnen das Erlernen des Rumanischen zu erleichtern, wurde 1895 schliesslich AI. Alescu zum Rumanischlehrer am Seminar selbst ernannt. Infolge der Emigration der Muslime aus der Gegend von Babadag ging die Zahl der Studenten jedoch rapide zuruck, so dass sich die Regierung 1901 dazu entschloss, das Seminar unter der Direktion von Herrn Alescu nach Medgidia zu verlegen. Dieser Schritt war fur die Geschichte der spateren tatarischen Nationalbewegung in der Dobrudscha von entscheidender Bedeutung, denn nun befand sich die wichtigste Bildungsstatte der rumanischen Muslime mitten im Siedlungsgebiet der krimtatarischen Emigranten. Die kunftige intellektuelle Elite der Dobrudschamuslime wurde am Seminar von Medgidia ausgebildet. (39) Naturlich lernten auch weiterhin andere Muslime auf dem Seminar, doch bildeten die Tataren fortan das Gros der Imame und Lehrer in der Dobrudscha. Ein weiterer Effekt bestand darin, dass sie auf diese Weise vermehrt Zugang zur rumanischen Sprache und Kultur erhielten. (40) Eine wichtige Wende trat in den Jahren 1907/08 ein, als den Fachern Muttersprache (d.h. osmanisches Turkisch) und "islamische Geschichte" im Unterrichtsprogramm grosserer Raum gegeben wurde. (41) Beide Facher waren fur die Herausbildung eines modernen Nationalbewusstseins von entscheidender Bedeutung. Mustecib Ulkusal (1899-1996), der selbst Student am Seminar gewesen war, erinnerte sich spater, dass es in den Jahren 1908-16 wegen des autoritaren Stils von Direktor Alescu bei vielen Schulern zu Unmut gekommen sei, der sich in nationalistischen, proturkischen Ausserungen bemerkbar gemacht habe. (42)

Zu einer ersten Politisierung der Dobrudschamuslime war es bereits in den Jahren 1897/98 gekommen. Einige Jungturken, darunter der Albaner Ibrahim Temo (1865-1945) und der Krimtatare Ali Riza (1872-1909), hatten sich vor der Verfolgung durch die Polizei Abdulhamids II. in die Dobrudscha abgesetzt und begannen hier publizistisch aktiv zu werden sowie geheime Zellen zu bilden. (43) Mit ihnen kamen auch die Ideen der Jungturken in die Dobrudscha. (44) Als Kinmizade Ali Riza, der einer 1877 ins Osmanische Reich emigrierten dobrudschatatarischen Familie aus der Region Mangalia entstammte, 1909 in Istanbul wahrend des Gegenputsches von Abdulhamid II. (dem sogenannten "Ereignis vom 31. Marz") starb, wurde er von den siegreichen Jungturken auf dem Ehrenfriedhof der Jungturkischen Revolution bestattet. Damit war Ali Riza zu einem Martyrer fur die osmanische Freiheit geworden und galt den fortschrittlich denkenden Muslimen in der Dobrudscha auch noch lange nach diesen Ereignissen als Vorbild. (45)

Wahrend die Zahl der Leser von Ismail Gasprinskijs Terciman in der Dobrudscha recht gering blieb, (46) nahmen die Tataren am Schrifttum Istanbuls nach 1908, nach dem Ende der Autokratie Abdulhamids IL, einen regen Anteil. Die Zeitschriften Tesvik und Dobruca Sedasi, die 1910/11 von Studenten und jungeren Lehrern wie Mehmed Niyazi (1878--1931) (47) herausgegeben wurden, sahen sich in der Tradition jungturkischer, patriotischer Gedanken und standen in engem Kontakt zu tatarischen Journalisten in Istanbul und Russland. (48) Ihr Hauptanliegen bestand in einer Vereinheitlichung des Bildungswesens in der Dobrudscha, um die Muslime kunftig besser auf ihr Leben in Rumanien vorbereiten zu konnen. Seit 1909 war es den Muslimen namlich moglich, eigene Reprasentanten ins rumanische Parlament zu wahlen. (49) Die (mehrheitlich) tatarischen Aktivisten der Blatter Tesvik, Dobruca Sedasi aber auch der 1914-16 in Medgidia erscheinenden ISik sowie Mekteb ve Aile (50) warnten ihre muslimischen Landsleute davor, sich unvorbereitet in die Politik zu sturzen und in verschiedene, sich bekampfende Lager zu zerfallen. Sie sahen die Gefahr, dass die Muslime andernfalls ihre nationalen und religiosen Interessen nicht durchsetzen konnten. (51) Vor einer Beteiligung an der rumanischen Innenpolitik sei es dringend notig, das Bildungsniveau zu erhohen, d.h. die Schulprogramme zu vereinheitlichen und den Unterricht mit nationalem Geist zu beleben. Ganz konkret verwiesen die Herausgeber auf die Erfolge anderer Minderheitenvolker wie der Bulgaren oder Armenier bei der Herausbildung eines Nationalbewusstseins. Ihre Kritik galt insbesondere konservativen Geistlichen, die den Nutzen nationaler Schulen und den Wert eines Nationalbewusstseins nicht zu schatzen wussten. Zur Verbreitung ihrer Ideen grundeten M. Niyazi und Gleichgesinnte 1909 in Constanta die "Gesellschaft zur Verbreitung des Wissens in der Dobrudscha" (Dobruca Tamim-i Maarif Cemiyeti), die zwar nur eineinhalb Jahre existierte aber bereits ca. 250 Mitglieder mobilisieren konnte. (52) Wenig spater, 1911, und mit grosserem Erfolg grundeten die Absolventen des Seminars von Medgidia eine eigene Vereinigung: Mecidiye Musulman Seminari Mezunlari Cemiyeti.53 Aus dieser fur das kunftige Schicksal der Dobrudschatataren so wichtigen Gesellschaft sollten in den 30er und 40er Jahren bedeutende Fuhrer der tatarischen Nationalbewegung hervorgehen.

Eine eingehende Untersuchung der oben genannten Periodika zeigt deutlich, dass es den gesellschaftspolitisch aktiven Kreisen um Ibrahim Temo und Mehmed Niyazi schon vor 1916 darum ging, die wichtigsten Posten der islamischen Gesellschaft in der Dobrudscha (die der Muftis, Kadis, Lehrer aber auch Imame an wichtigen Moscheen) mit Absolventen des Seminars zu besetzen, um somit Strukturen entstehen zu lassen, aus denen eine kulturelle (und spater vielleicht politische) Nationalbewegung hervorgehen konnte. Da es sich bei den Absolventen des Seminars zu einem grossen Teil um Tataren handelte, bedeutete dies, dass die geistige (und politische) Fuhrung aller rumanischen Muslime bald in tatarischen Handen liegen sollte.

1913-1944: die gesamte Dobrudscha unter rumanischer Oberhoheit

Mit der Annexion der Suddobrudscha 1913 (und noch einmal 1918/19) verschob sich das Verhaltnis zwischen Turken und Tataren deutlich. Zahlenmassig dominierten nun die Turken. (54) Doch blieben die Turken in der Suddobrudscha, die weder Rumanisch beherrschten noch die politische Kultur des rumanischen Staates kannten, lange Jahre auf die Unterstutzung durch ihre muslimischen Bruder aus dem Norden angewiesen. Hier nun machte sich das tatarische Ubergewicht bei den gut ausgebildeten islamischen Gelehrten und Lehrern deutlich und so finden wir in den Jahren nach 1918 (55) nicht wenige Tataren in fuhrenden religiosen und kulturellen Positionen der Suddobrudscha. Diese "tatarische Dominanz" war sicherlich einer der ausschlaggebenden Grunde, die es in den 30er Jahren zu Konfrontationen zwischen Turken und Tataren im Cadrilater (der Suddobrudscha) kommen liess (56)

Zu den prominentesten Vertretern der fruhen tatarischen Aufklarungsbewegung zahlten neben dem erwahnten Poeten und Lehrer Mehmed Niyazi (57) vor allem der Seminarsabsolvent und spatere Kadi Fevzi Ibrahim Ismail (1890-1960), (58) aus dessen Familie auch die Herausgeber der tatarischen Zeitschrift Bora (1938-39) stammen, (59) und Halil Fehmi (1888-1933), Lehrer am Seminar und spater Mufti von Bazargic. Er gehorte zu den wenigen Dobrudschatataren, die 1917/18 auf der Krim an der Grundung des kurultay beteiligt waren. (60) Nach seiner Flucht vor den Bolschewisten gab Halil Fehmi 1919-23 in Bazargic die Zeitung Dobruca heraus. (61) Neben Mehmed Niyazi und Halil Fehmi hatte sich auch Dr. Mehmed Nuri (1884-1970) (62) auf die Krim begeben und sich dort politisch und journalistisch beteiligt. Nach seiner Ruckkehr in die Dobrudscha gab er die Zeitung Yildinm (1932-38) heraus und avancierte zeitweilig zum stellvertretenden Burgermeister von Bazargic. Dr. Nuri war der Schwager eines weiteren prominenten Dobrudschatataren: Selim Abdulhakim (1887 1944). (63) Der aus Constanta stammende Selim Abdulhakim war der erste Tatare, der in Bukarest Jura studiert hatte. In den 20er und 30er Jahren wurde er zu einem der wichtigsten politischen und gesellschaftlichen Reprasentanten der Dobrudschatataren aber auch der ubrigen Muslime Rumaniens. Mehrfach wurde er ins rumanische Parlament gewahlt und 1939 vertrat er die Muslime in der dem Konig ergebenen Einheitsfront Frontul Renasterii Nationale. Er war unter anderem an der Herausgabe der tatarischen Zeitung HalkIPoporul (1936-39) beteiligt. Letztere erschien bewusst zweisprachig, um die rumanische Offentlichkeit uber das Anliegen der Tataren zu informieren. (64)

Durch die zunachst noch vereinzelten Aktivitaten dieser alteren Aktivisten wurde der Grundstein fur den Erfolg der spateren tatarischen Bewegung in der Dobrudscha gelegt: 1929 entschloss sich namlich eine Gruppe jungerer Tataren unter dem Vorsitz des Juristen Mustecib H. Fazd [Ulkusal] (1899-1996), (65) eine nationale Zeitschrift herauszugeben, die auf Vorschlag Mehmed Niyazis den Namen Emel Mecmuasi erhielt. (66) Zwischen Januar 1930 und September 1940 erschien Emel regelmassig, was fur die damalige muslimische Presse auf dem Balkan eine Seltenheit darstellt und die Professionalitat der Redaktion dokumentiert. Seit dem Fruhjahr 1930 publizierte der in der Turkei lebende fruhere Prasident des kurultay, Cafer Seydahmet, fur Emel, die seit jener Zeit als Organ der krimtatarischen Exilregierung angesehen werden kann. Ihr Ziel bestand darin, die Diaspora in der Dobrudscha, Europa und der Turkei uber die Vorgange auf der Krim aufzuklaren und ein krimtatarisches Nationalbewusstsein zu verbreiten. Enge Kontakte unterhielt sie zu den Exilzeitschriften der Turkestaner, Wolgatataren und Aserbaidschaner, die gemeinsam gegen die Sowjetunion kampften.

Die Redaktion von Emel organisierte nationale Veranstaltungen, z.B. seit 1935 zum Todestag von Mehmed Niyazi, (67) zum Jahrestag der Grundung des kurultay, (68) zum Gedenken an das Martyrium Celebi Cihans oder 1933 zum 50. Jahrestag des Erscheinens von Terciman. Die Redaktion schickte jeden Sommer Mitglieder in die tatarischen Dorfern, um die Abonnementbeitrage einzusammeln, mundliche Propaganda fur die tatarische Sache zu betreiben und Neues uber die Lage auf dem Land zu erfahren. Auf diese Weise gelang es Emel zur wichtigsten tatarischen Zeitschrift in Rumanien zu werden. Die Texte von Emel erschienen uberwiegend auf turkisch, daneben wurden auch Gedichte, Sprichworter und Sagen auf tatarisch veroffentlicht. Zudem druckte Emel in Serie historische Publikationen aus der Krim in Originalsprache ab. (69) Eine andere von Tataren geleitete Zeitung, Yildinm, erschien nur auf turkisch und distanzierte sich vom Kurs Cafer Seydahmets und von Emel. Yildinm trat fur ein turkisches Nationalbewusstsein der Tataren ein, die in Anatolien ihr anavatan (Vaterland) sehen sollten. Enge Kontakte zu Emel unterhielten hingegen Halk/Poporul, die auf turkisch und rumanisch erschien, und Bora, in der Texte auf turkisch, rumanisch und Gedichte auf tatarisch erschienen. Erst nach dem 2. Weltkrieg entwickelte sich die tatarische Sprache der Dobrudschatataren so weit, dass Prosatexte oder Beitrage zu politischen Themen auf tatarisch erschienen. Die Druckerei von Emel publizierte auch einige Bucher zu politischen und historischen Fragen (in turkischer Sprache) sowie neu geschriebene Theaterstucke nationalen Inhalts (in tatarischer Sprache). Diese Aktivitaten muss man im Zusammenhang mit dem Entstehen von tatarischen

Kulturvereinen sehen. In 85 der 110 Dorfer und in sechs Stadten mit tatarischer Bevolkerung entstanden solche "nationalen Kulturvereine", die 1934 zu einer Organisation, der Dobruca Turk Hars Kultur Birligi verschmolzen, die engste Kontakte zur Redaktion von Emel unterhielt. (70)

Als die Regierung in Ankara in Zusammenarbeit mit der rumanischen Anfang der 30er Jahre entschied, die gesamte turksprachige Bevolkerung Rumaniens (Turken, Tataren und Gagausen) in die Turkei umzusiedeln, stellte dies die krimtatarische Nationalbewegung in der Dobrudscha vor grosse Probleme. Was war die wahre Heimat der Tataren: Anatolien oder die Krim? Blatter wie Emel und Halk warnten die Tataren vor einer unuberlegten Emigration nach Anatolien. Den Herausgebern war bewusst, dass sich die krimtatarische Nationalbewegung in Rumanien freier bewegen konnte als in der damaligen Turkei, die gegenuber der Sowjetunion eine Politik der Freundschaft betrieb. (71) Mustecib H. Fazil wandte sich daher auch direkt an den turkischen Botschafter in Bukarest, H. S. Tannover, der ihm versicherte, dass die Dobrudschatataren nicht von der Umsiedelung betroffen sein sollten. (72) Dennoch wurde die tatarische Nationalbewegung von Sympathisanten Ankaras in der Dobrudscha, etwa den Zeitungen Romanya, Turk Birligi oder Deliorman, (73), mehrfach offentlich angegriffen: Man unterstellte den Tataren antiturkisch zu sein, da sie sich weigerten nach Anatolien auszuwandern und stattdessen von einem eigenstandigen Staat auf der Krim traumten. (74) Als Reaktion auf diese Polemik betonten die Dobrudschatataren immer wieder ihr turkisches Bewusstsein und ihre Liebe zur Turkei. Die Zeitschrift Bora z.B. erinnerte auf ihrem Umschlag daran, dass Turken und Tataren Bruder seien. Emel wurde nicht mude darauf hinzuweisen, dass es auch im Interesse Ankaras sein musse, wenn es neben der Turkei noch andere turkische Staaten (wie etwa die Krim) gebe. Mehr und mehr begannen sich die tatarischen Intellektuellen Mitte der 30er Jahre bewusst als "Krimturken" zu bezeichnen, um jeden Verdacht, die Einheit der turkischen Volker in Frage zu stellen, von sich zu weisen. Man bekannte sich zum "turkischen Nationalismus" (turkculuk) und betonte immer wieder, es gebe keinen separaten "tatarischen Nationalismus" (tatarcilik). (75)

Um die rumanische Bevolkerung davon zu uberzeugen, dass ein Verbleiben der Tataren in der Dobrudscha auch fur Rumanien von Vorteil sei, begannen tatarische Intellektuelle seit Mitte der 30er Jahre vermehrt fur wichtige rumanische Zeitungen wie etwa Dobrogea Juna zu schreiben. Man verwies insbesondere auf den Umstand, dass sich die Tataren als loyale Staatsburger Rumaniens und nicht (wie Bulgaren oder Ungarn) als regierungsfeindliche Minderheit betrachteten. (76) Selim Abdulhakim und Necib Haci Fazd (1906-1948), der jungere Bruder Mustecibs, (77) zahlten zu den eifrigsten tatarischen Journalisten in der rumanischen Presse. In dieser Phase entstand auch das bis heute wichtigste Werk zur Geschichte der Dobrudschatataren, namlich die Monographie Dobruca ve Turkler von Mustecib Haci Fazil [Ulkusal], die 1940 erstmals in Constanta erschien und 1966 sowie 1987 in der Turkei erneut aufgelegt wurde. Der Titel "die Dobrudscha und die Turken" wurde von Ulkusal bewusst gewahlt, um zu demonstrieren, dass sich die Krimtataren als Teil der turkischen Welt verstehen. (78)

Als der Konig in Rumanien 1938 eine Diktatur einfuhrte und die Frontal Renasterii Nationale grundete, bemuhte sich die tatarische Nationalbewegung um Mustecib Ulkusal erfolgreich darum, Anerkennung bei dieser nationalistischen Partei zu finden, indem sie auf ihre antisowjetischen Ziele verwies. (79) Beide strebten einen Zusammenbruch der Sowjetunion an: Eine von Moskau unabhangige Ukraine und eine unabhangige (tatarische) Krim mussten nach Ansicht von Emel auch im Interesse der rumanischen Aussenpolitik liegen. Die Hoffnungen auf einen Zusammenbruch der verhassten Sowjetunion sollten sich aber bald als Illusion erweisen--mit furchtbaren Konsequenzen fur die Dobrudschatataren. Die krimtatarische Nationalbewegung reagierte 1939 zunachst entsetzt auf den Pakt zwischen Hitler und Stalin und den gemeinsamen Uberfall auf Polen. Emel verurteilte die Aggression der Deutschen und Bolschewisten entschieden. (80) Auch als Nazideutschland und die UdSSR schliesslich selbst miteinander im Krieg lagen und sich Mustecib Ulkusal in Berlin bemuhte, die Interessen der Krimtataren zu wahren, blieb er skeptisch gegenuber den Nationalsozialisten. Das Tagebuch Ulkusals, das er 1941/42 in Berlin fuhrte, zeigt deutlich, dass er gegenuber den Ambitionen der deutschen Besatzungspolitik misstrauisch blieb. (81) Gegen die Machtinteressen Berlins und Bukarests konnten die Dobrudschatataren letztlich wenig fur ihre krimtatarischen Bruder erreichen. Die wenigen Krimtataren, die vor der Sowjetarmee in die Dobrudscha fliehen konnten, wurden nach der Machtergreifung der Kommunisten in Rumanien systematisch gejagt. Mit ihnen wurden alle Dobrudschatataren verfolgt, deren antisowjetische Einstellung bekannt war und die den Fluchtlingen von der Krim geholfen hatten: So wurde der Bruder Mustecibs, der charismatische Schriftsteller Necib H. Fazd, 1948 ermordet. (82) Dieses Martyrium liess Necib H. Fazil fur die postkommunistische Generation tatarischer Aktivisten zu einer nationalen Identifikationsfigur werden. Er spielt somit heute im historischen Bewusstsein der Dobrudschatataren eine bedeutendere Rolle als sein alterer Bruder, der sich in die Turkei absetzen konnte. (83)

1945-1989: die Dobrudschatataren unter kommunistischer Herrschaft

Im Nachkriegsrumanien, das 1947 endgultig auf die Suddobrudscha verzichten musste, bildeten die Tataren bis in die 90er Jahre wieder die grosste muslimische Bevolkerungsgruppe. Die 1948 eingefuhrte Verfassung sah fur alle in Rumanien lebenden Nationalitaten einen muttersprachlichen Unterricht in der Volksschule vor. Da die Turkei nun kapitalistisches Feindesland und Mitglied der NATO war, beschloss die kommunistische Regierung Turken und Tataren getrennt voneinander zu unterrichten. Gegen den Willen der krimtatarischen Intellektuellen in der Dobrudscha, die sich weiterhin als "Krimturken" bezeichneten und Turkisch als ihre Muttersprache (zumindest Literatursprache) ansahen, setzte die rumanische Regierung durch, dass die Tataren als eine von den Turken getrennte Nation betrachtet wurden. Daher sollten sie auch auf der Schule Tatarisch lernen. Doch welches Tatarisch? Die Krimtataren waren von Stalin deportiert worden und die kommunistische Regierung in Rumanien konnte es nicht zulassen, dass sich in der Dobrudscha weiterhin ein krimtatarisches Bewusstsein manifestierte. Daher importierte man Schulbucher aus Kasan. Die Sprache der Wolgatataren unterschied sich jedoch zu stark von derjenigen der Dobrudschatataren, so dass man sich Mitte der 50er Jahre gezwungen sah, Schulbucher in der lokalen tatarischen Sprache zu verfassen. (84) Dank dieser Massnahme (des kommunistischen Rumaniens) entwickelte sich die Sprache der Dobrudschatataren erstmalig zu einer Literatursprache. Jedoch wurden die muttersprachlichen Schulen der Muslime nur bis 1959 gefuhrt, danach sahen sich die Tataren gezwungen ihre Kinder auf rumanische Schulen zu schicken. 1967 schloss dann auch das Seminar von Medgidia im Zuge der staatlichen Assimilationspolitik. Erst in den 1970er Jahren offneten wieder einige Grundschulen mit Turkischunterricht und entsprechenden Lehrbuchern. (85)

Wahrend die Beschaftigung mit tatarischer Literatur und Sprache in den 1960ern und 70ern in der Dobrudscha selbst fast zum Erliegen kam, wurde dem sprachlichen und literarischen Erbe der verschiedenen tatarischen ethnischen Gruppen (Taten, Nogaier etc.) im selben Zeitraum von osteuropaischen Turkologen und Sprachwissenschaftlern Aufmerksamkeit geschenkt. Neben rumanischen in Bukarest bemuhten sich insbesondere ungarische und polnische Wissenschaftler in den 50er/60er Jahren darum, die verschiedenen Dialekte zu erfassen und zu dokumentieren. Es ging ihnen insbesondere darum, die Vielfaltigkeit dessen, was pauschal als tatarisch angesehen wurde, zu analysieren. (86) Ein Nebeneffekt dieser sprachwissenschaftlichen Tatigkeit bestand darin, dass auf diese Weise die lokale Bevolkerung dazu angeregt wurde, ihre reiche Folklore zu sammeln und weiter zu tradieren. In den 1980er Jahren lebten dann schriftstellerische Aktivitaten der Tataren in turkischer wie tatarischer Sprache wieder auf: Der in Bukarest ansassige Minderheitenverlag Kriterion veroffentlichte 1980 eine Folkloresammlung namens Boztorgay, die 1996 in einer zweiten, erweiterten Auflage erschien. (87) Zudem wurden noch in kommunistischer Zeit die ersten von funf Ausgaben eines Sammelwerkes namens Renkler gedruckt, (88) die zwischen 1987-1993 erschienen. Sie enthalten belletristische und historiographische Texte in tatarischer sowie turkischer Sprache. Renkler diente somit bereits vor Ende der kommunistischen Herrschaft als Sammelbecken und Plattform fur eine altere Generation von tatarischen Intellektuellen, die sich an die tatarische Schulausbildung von vor 1959 noch erinnern konnte und die nun ihr Wissen weiterzugeben suchte. Die Publikation von Renkler darf als ein erstes deutliches Anzeichen fur ein wieder aufkeimendes tatarisches Nationalbewusstsein gewertet werden, das seinen Schwerpunkt zunachst auf die Bewahrung der tatarischen Sprache setzte.

Seit 1990: die Wiedergeburt des tatarischen Nationalbewusstseins

Der Samen der kulturellen Wiedergeburt, der in den 80er Jahren gelegt wurde, sollte unmittelbar nach dem Fall der kommunistischen Regierung im Dezember 1989 dann auch aufgehen. Nach einem kurzen Versuch, die beiden ethnischen Gruppen, Turken und Tataren, in einer gemeinsamen Minderheitenorganisation zu vereinen, gingen beide Gruppen rasch getrennte Wege. Die tatarische Wiedergeburt schlug sich politisch in der Grundung der "Demokratischen Union der muslimischen Turk-Tataren Rumaniens" (UDTTMR) und kulturell in der Herausgabe der Zeitung Karadeniz (seit 1990), dem Sprachrohr der UDTTMR, nieder.

In literarischer Hinsicht ist es seit 1990 zu zahlreichen Neuveroffentlichungen in Bukarest wie Constanta gekommen. Neben zeitgenossischer Lyrik (89) dominiert die Beschaftigung mit Heimatkunde den tatarischen Buchmarkt. Hervorzuheben sind hierbei insbesondere interessante Erlebnisberichte sowie Autobiographien, in denen die Zeit der Leiden nach 1945 beschrieben wird. (90) Erganzt wird dieses Angebot durch Neuauflagen vorkommunistischer Werke sowie durch historiographische Abhandlungen, die sich allgemeintatarischen oder auch regionalen Fragestellungen widmen. (91) Seit 1990 nehmen Dobrudschatataren auch intensiv an Konferenzen in der Turkei, auf der Krim, dem Balkan und in Nordzypern teil, auf denen sie uber die sprachliche und literarische Situation in der Dobrudscha berichten und somit dazu beitragen, dass diese zahlenmassig kleine Gruppe der Turcica nicht in Vergessenheit gerat. Entsprechend wachst auch die Zahl der Artikel in Konferenzbeitragen zu dieser Thematik, (92) wobei es auffallig ist, wie schnell die Teilnehmer bereit sind, sich dem Blickwinkel des Gastgebers anzunahern: Man gibt sich auf der Krim tatarisch und in Anatolien turkisch. Auch hier folgen die heutigen dobrudschatatarisehen Forscher deutlich der Taktik ihrer Vorganger aus den 1930er Jahren.

Karadeniz (Marea Neagra) stellt die wichtigste Quelle zur jungsten Geschichte der Dobrudschatataren dar, weswegen ich sie hier abschliessend kurz vorstellen mochte. Das monatlich einmal erscheinende Blatt, das nicht im Handel erhaltlich ist, sondern vom Staat Finanziert und an Interessierte verteilt wird, bietet Historikern aber auch Turkologen reichhaltiges Forschungsmaterial. Der Name (das Schwarze Meer) verweist auf die geopolitische Ausrichtung der UDTTMR, welche weit uber Rumanien hinaus die historischen Wurzeln wie die Zukunft der Dobrudschatataren mit der Krim aber auch der Turkei zu verbinden sucht. Die drei Flaggen Rumaniens, der Krimtataren und der Turkei (von links nach rechts) unterhalb des Titels verdeutlichen die mehrdimensionalen Identitaten und Loyalitaten der Dobrudschatataren. Von ebenso grosser Symbolik ist das Logo rechts neben dem Titel: eine Moschee erhebt sich uber der Tamga der Krimkhane, womit zum Ausdruck gebracht werden soll, dass die religiose und kulturelle Identitat auf dem Fundament des Nationalbewusstseins ruht. Der Islam ist somit ein bedeutender, aber eben nur ein Teil der tatarischen Identitat. Der Leser begegnet dieser Verschmelzung nationaler und religioser Sichtweisen in zahlreichen Beitragen. Hier offenbart sich eine Ideologie, die der turkischislamischen Synthese, wie sie uns seit den 1980er aus der Turkei bekannt ist, nahe steht. Links neben dem Titel prangt das beruhmte Logo Gasprinskijs "dilde, fikirde, isste birlik" (Einheit in Sprache, Gedanke und Tat), das nicht nur die Hinwendung zur krimtatarischen Geschichte dokumentiert, sondern auch eine panturkische Ausrichtung erkennen lasst.

Ende der 1990er wurde Karadeniz erganzt durch die Jugendzeitschrift Cas (Tanarul) und seit 2002 auch durch das frauenspezifische Supplement Kadin. Wie schon Karadeniz erscheinen auch in der Jugend- und die Frauenzeitschrift Artikel in rumanischer, turkeiturkischer und tatarischer Sprache, wobei seit 1997 die Tendenz festzustellen ist, moglichst viele Beitrage, auch zu aktuellen politischen Themen, in tatarischer Sprache zu verfassen. Diese Entscheidung zugunsten des Tatarischen war zunachst keineswegs unumstritten: Die eigene tatarische Muttersprache war ja erst auf Veranlassung des kommunistischen, rumanischen Regimes anstelle des Turkischen zur Literatursprache erhoben worden. So ist es nicht verwunderlich, dass selbst ein fruherer Leiter der UDTTMR wie Cenan Bolat seine Landsleute mahnend daran erinnerte, dass die "Altvorderen" wie Gasprinskij oder M. Niyazi immer das Turkeiturkische als Literatursprache benutzt hatten. Dennoch hatten sie dabei nie ihre tatarischen Wurzeln vergessen. (93) Die Verschriftung des Tatarischen galt in seinen Augen als Akt des bolmek und parcalamak der turkischen Welt. Massive Schutzenhilfe erhielten solche vereinheitlichenden Gedanken in der ersten Halfte der 1990er Jahre durch turkeiturkische Gastautoren, die leidenschaftlich fur eine sprachliche Einheit zwischen Turken und Tataren pladierten. (94) Dieses turkische Engagement fur eine Einheitssprache hat jedoch seit Ende der 1990er deutlich nachgelassen.

Zu den zentralen Themen der Zeitschriften Karadeniz und Cas gehort die Wiederentdeckung der eigenen Geschichte in der Dobrudscha. (95) Anhand einer Fulle von heimatkundlichem Material wird die tatarische Verwurzelung in Rumanien, das eindeutig als historische Heimat und keineswegs als blosse Durchgangsstation einer Diaspora auf dem Weg in Richtung Anatolien oder zuruck auf die Krim empfunden wird, unter Beweis gestellt. Diese tiefe Verbundenheit mit Rumanien und der Dobrudscha stellt aber keineswegs einen Widerspruch dar zur demonstrativen Solidaritat mit den "Brudern" auf der Krim. Ja die Wiederentdeckung der tatarischen Krim, ihrer Vergangenheit und Gegenwart, ist ein ganz wesentlicher Motor in der Entwicklung des kulturellen und historischen Bewusstseins der heutigen Dobrudschatataren, was in vielen Beitragen zum Ausdruck kommt. Parallel hierzu artikulieren die Blatter ein grosses Interesse an der Entwicklung der gesamten turkischen Welt Eurasiens, wobei die hier geausserten panturkischen Sympathien haufig dem aus der Turkei bekannten nationalistischen ulkucu-Gedankengut entsprechen. Die Beitrage in den beiden Zeitschriften reflektieren zudem deutlich den kulturellen, religiosen und politischen Einfluss, den die Turkische Republik auf die turksprachigen Balkangemeinden seit Beginn der 1990er nimmt. Die beiden Blatter bieten reichhaltiges Material daruber, wie die Turkei als "grosser Bruder" eine Kontrolle uber die Bereiche Islam, schulische Bildung und Literatursprache auszuuben sich bemuht. Grundsatzlich zeigen sich Karadeniz und Cas offen fur ein solches turkisches Engagement: Denn die Bewahrung und Weitergabe der nationalen Folklore, der eigenen Traditionen und eben auch des islamischen Glaubens an die jungere Generation sind durchaus aktuelle Herausforderungen, denen sich die UDTTMR stellen muss und bei denen sie auch bereit ist auf turkische Hilfe zuruckzugreifen. (96) Von grosser Bedeutung fur die Frage der eigenen Kultur ist naturlich die Diskussion um die Entwicklung einer tatarischen Literatursprache. Die bislang praktizierte Dreisprachigkeit (Rumanisch, Tatarisch, Turkisch) stellt fur eine kleine Minderheit wie die Tataren eine grosse Belastung dar und es besteht die Gefahr, dass nur wenige kunftig alle drei Sprachen literarisch anspruchsvoll beherrschen werden. (97) Beitrage zur Sprachenproblematik sind daher regelmassig anzutreffen. Zu guter Letzt muss dem Forscher im Bewusstsein bleiben, dass die beiden Zeitschriften auch das Sprachrohr der UDTTMR sind und dazu dienen, der tatarischen Minderheit eine einheitliche Stimme (im Sinne der UDTTMR) zu verleihen und Forderungen gegenuber dem rumanischen Staat zu artikulieren.

Fazit

Zu Beginn des 21. Jh. dokumentieren all diese Aktivitaten den Wunsch der Dobrudschatataren auch gegen die Vereinnahmung des ubermachtigen Rumaniens oder des grossen turkischen Bruders ihre eigene Sprache und ihre ethnischen Besonderheiten zu bewahren. Der Samen, der in den Jahren zwischen 1908 und 1940 gelegt wurde, ist seit 1990 aufgegangen. Dabei soll aber nicht vergessen werden, dass gerade das kommunistische Rumanien den Prozess der "Tatarisierung" in den 1950ern aus ganz eigenen Grunden unterstutzt hat. Seine Absicht mag darin bestanden haben, Turken und Tataren voneinander zu trennen. Doch fuhrte die staatliche Forderung der Tataren als anerkannte Minderheit letztlich dazu, dass bei ihnen die historische Erinnerung an die Krim und an die kulturelle Zugehorigkeit zur Turk dunyasi nie vergessen, sondern bewahrt wurde und nun an die Jugend weitergegeben wird. Als Folge hiervon regt sich, auch wenn man es uber Jahrzehnte kaum mehr fur moglich gehalten hatte, zu Beginn des 21. Jahrhundert an den Ufern des Schwarzen Meeres neben dem turkischen wieder ein selbstbewusstes tatarisches Volkselement--so wie es uber viele Jahrhunderte der Fall gewesen ist.

(1) Wahrend offizielle rumanische Statistiken fur das Jahr 2002 von knapp 24.000 Tataren sprechen, nannten fuhrende Reprasentanten der UDTTMR 1999 dem Verf. gegenuber ein Zahl von mindestens 40.000. Zur ersten Zahl siehe Sallanz, Josef (Hrsg.): Die Dobrudscha. Ethnische Minderheiten--KulturlandschaftTransformation. Potsdam: Universitatsverlag, 2005, 131.

(2) Zur Entwicklung eines krimtatarischen Nationalbewusstseins im 19. und 20. Jh. unter besonderer Berucksichtigung der Diasporasituation siehe ausfuhrlich Williams, Brian Glyn: The Crimean Tatars. The Diaspora Experience and the Forging of a Nation. (Brill's Inner Asian Library 2) Leiden [u. a.]: Brill, 2001.

(3) Siehe hierzu Inalcik, Halil: Dobrudja in: Encyclopaedia of Islam, New Edition. Volume 2. Leiden [u. a.]: Brill, 1991, 610-13; Cossuto, Giuseppe: Storia dei turchidi Dobrugia. (I Quaderni del Bosforo 1) Istanbul: Isis, 2001, 23-73.

(4) Lascu, Stoica: Calatori straini despre turco-tatarii din Dobrogea (sec. XVIIIXIX) in: Gemil, Tahsin (Hrsg.): Originea tatarilor. Locul lor in Romania si in lumea turca. BucuresU: Kriterion, 1997, 209; siehe auch Tafrali, O.: La Roumanie transdanubienne (La Dobroudja). Esquisse geographique el economique. Paris 1918, 152.

(5) Angelesco, Georges G.: Etude sur la Dobrogea du point de vue de l'organisation despouvoirspublics. Paris 1907, 59.

(6) Siehe hierzu Mustecib H. Fazil: Dobruca ve Turkler. Kostence 1940, 23-50; Ibram, Nureddin: Comunitatea musulmana din Dobrogea repere de via(a spirituala. Viafi religioasa si inva(amant in limba materna. Constan(a: Ex Ponto, 1998, 32-56; De Jong, Frederick: The Turks and Tatars in Romania. Materiah relative to their history and notes on their present-day condition in: Turcica. Revue des etudes turques Louvain [u. a.]: Peeters, Nr. 18 (1986), 165--89; Popovic, Alexandre: L'islam balkanique. Les musulmans du sud-est europeen dans la periode post-ottomane. (Balkanologische Veroffentlichungen 11) Wiesbaden: Harrassowitz, 1986, 196-253; Schmidt-Rosier, Andrea: Rumanien nach dem Ersten Weltkrieg: Die Grenzziehung in der Dobrudscha und im Banat und die Folgeprobleme. (Europaische Hochschulschriften Reihe III; 622) Frankfurt a. M.: Peter Lang, 1994, 169-96 sowie Cossuto, Giuseppe: // senso d'identita dei turco-tatari di Romania dal 1878 ad oggi in: Problematiche islamiche in area balcanica: Albania, Bulgaria, Romania (progetto strategico CNR su "il sistema mediterraneo"). (Oriente Moderno Nr. 15 (76). Supplemente 1996, Numero Speciale) Roma 1996, 113-66.

(7) Siehe Kantemir, Demetrie: Geschichte des Osmanischen Reichs nach seinem Anwachsen und Abnehmen. Hamburg 1745, 346; sowie Fazil: Dobruca, 36.

(8) Ekrem, Mehmet Ali: Din istoria turcilor dobrogeni. Bucuresti: Kriterion, 1994, 50-51.

(9) Cossuto, Giuseppe: / musulmani di Romania e il nuovo corso politico: note sull'attuale situazione sociale e culturale in: Oriente Moderno Roma: Istituto per l'Oriente C. A. Nallino. Nr. 13/74 (1994), 204-06.

(10) Traeger, Paul: Studien uber die Dobrudscha: Geschichte und Ethnographie, in: Bilder aus der Dobrudscha. Herausgegeben von der Deutschen EtappenVerwaltung in der Dobrudscha. Constanza 1918,286.

(11) Pittard, Eugene: Anthropologie de la Roumanie. Contribution a l'etude anthropologique des Tsiganes dits Tatars de Dobrodja in: Bulletin de la Societe Roumaine des Sciences de Bucarest--Roumanie Annee 12, Nr. 5+6 (1904), 379-89.

(12) Zu den russisch-turkischen Kriegen und ihren Folgen fur die muslimische Bevolkerung siehe ausfuhrlich Fazil, Dobruca, 59-73.

(13) Karpat, Kemal H.: The Crimean Emigration of 1856-1962 and the Settlement and Urban Development of Dobruca in: Ch. Lemercier-Quelquejay et alii (Hrsg.): Passe Turco-Tatar prasent sovietique. Etudes offerts a Alexandre Bennigsen. (Collection Turcica 6) Louvain [u.a.]: Peeters, 1986, 281-85.

(14) Vgl. Danesco, Gregoire: Dobrogea. (La Dobroudja) Etude de ge'ographique, physique et ethnographique. (Dissertation Paris). Bucarest 1903, 164-65.

(15) Ausfuhrlich hierzu Saydam, Abdullah: Kirim ve Kafkas gocleri (1856-1876). Ankara 1997, 100-38.

(16) Zur Zusammensetzung der Dobrudschatataren aus anthropolgischer Sicht siehe Pittard, Eugene: Anthropologie de la Roumanie. Contribution a l'etude anthropologique des populations de la Dobrodja. VIII. Les Tatars in: Bulletin de la Societe Roumaine des Sciences de Bucarest--Roumanie 1914. Annee. 23, Nr. 1+2 (1914), 43-117.

(17) Ionescu[-Dobrogeanu], M. D.: Dobrogia in pragul veacului al XXeea. Geografia matematica, flsica, politico, economica si militara. Bucuresu 1904, 341-12.

(18) Siehe Williams, Crimean Tatars, 205-209.

(19) Vgl. Karpat, Crimean emigration, 288-92, sowie Williams, Crimean Tatars, 209-15. Eine Aufzahlung aller von Tataren neu gegrundeten oder wieder besiedelten Dorfer bietet Fazil, Dobruca, 92-94.

(20) Romansky, St.: Carte ethnographique de la nouvelle Sofia 1915, 25-26; sowie Arbore, Alex. P.: Caracterul etnografic al Dobrogei sudice. (Din epoca turceasca pana la 1913). Cemautj 1938,41-45.

(21) Vgl. Williams, Crimean Tatars, 215-222. Die Aufgabe nomadischer Lebensformen durch die Nogaier und die allgemeine Angleichung der sozialen und wirtschaftlichen Lebensbedingungen bei den Dobrudschatataren liessen diese Konflikte nach 1865 jedoch an Bedeutung verlieren; Karpat, Crimean emigration, 300-02.

(22) Siehe Abdullov, I: Mate'riaux sur la langue et le folklore des Nogays de la Dobrudja in: Archiv Orientdlnl Praha: Akademia Publ. House, Nr. 33,2 (1965), 209-224. Ahnliche Animositaten und Vorurteile stellten Forscher gelegentlich auch zwischen Turken und Tataren fest; vgl. Pittard, Eugene: Dans la Dobroudja (Roumanie). Notes de voyage. Geneve 1902, 75.

(23) Vgl. Williams, Crimean Tatars, 222-26. Siehe auch die Bemerkungen Pittards uber die Tataren: "En general, ce sont des travailleurs economs et sobres. Grace a ces qualites, ils acquierent facilement une situation aisee. Plusieurs Tartares dobroudjiens sont devenus de riches proprietaires."; Pittard, Eugene: La /tournante. Valachie--Moldavie. Dobroudja. Paris 1917, 275-76.

(24) Siehe hierzu Ibram, Comunitatea, 73, 145-56.

(25) Popovic, Islam balkanique, 200-03.

(26) Zum Streit um die Dobrudscha siehe Schmidt-Rosler, Rumanien, 5-196 sowie (aus bulgarischer Sicht) Poppov, Joseph V.: La Dobroudja et les relations bulgaro-roumaines. Liege 1935 bzw. (aus rumanischer Sicht) Ponticus: La Dobrodja. Coup d'oeil sur son histoire et son caractere ethnique. Bucarest [1939].

(27) Optimistisch ausserte sich unter anderem d'Hogguer, Baron [Willem]: Renseignements sur la Dobrodja. Son etat actuel, ses ressources, et son avenir. Bucarest 1879, 33. Deutlich kritischer bewerteten Jooris, J.: La situation economique de la Roumanie et de la Dobrugea. Bruxelles [u. a.] 1881, 31-33, sowie Angelesco, Etude, 65, die Leistungsfahigkeit der Dobrudschamuslime.

(28) Jooris, Situation, 33.

(29) Siehe Fazil, Dobruca, 106-11; Popovic, Islam balkanique, 215-16; Ibram, Comunitatea, 51-52.

(30) Ausfuhrlich aus muslimischer Sicht hierzu Fazil, Dobruca, 122-25.

(31) Zwischen 1882 und 1897 flohen 2965 Dobrudschamuslime vor dem Wehrdienst ins Ausland, schrieb die Bukarester Zeitung Sark Nr. 8 (10.12.1897), 2-3 (Bend-i mahsus: Hicret hakkinda bir kac soz).

(32) Beispiele hierfur nennen Angelesco, Etude, 82-83; sowie Fazil, Dobruca, 109-10.

(33) Wie durch die Emigration Familien auseinandergerissen wurden und spater in der Turkei wieder zueinander fanden, beschreibt Mustecib Ulkusal am Beispiel seiner Familie; Ulkusal, Mustecip: Kirim yolunda bir omur. Hatiralar. Ankara 1999, 14-31.

(34) De Jong, Turks and Tatars, 175-77.

(35) Die ersten Zeitungen der Dobrudschamuslime kamen 1897/98 heraus. Zwischen 1897 und 1940 erschienen insgesamt 34 Zeitungen und Zeitschriften. Zur Presse der Dobrudschamuslime siehe detailliert Aguicenoglu, Huseyin: Die Turko-Tatarische Presse der Dobrudscha 1897-1940. Annotierter Katalog. (Heidelberger Studien zur Geschichte und Kultur des modernen Vorderen Orients 31) Frankfurt am Main [u. a.J: Peter Lang, 2004; sowie Popovic, Alexandre: La presse turque (et tatare) de Roumanie (1888-1940) in: Clayer, Nathalie (Hrsg.): Presse turque et presse en Turquie. (Varia Turcica 23) Istanbul: Isis, 1992, 221-49.

(36) Zahlreiche Beispiele hierfur finden sich in den Zeitungen Sedakat und Sark (1897-98). Zu den Periodika der Dobrudschamuslime siehe fortan Aguicenoglu, Die Turko-Tatarische Presse.

(37) Schon die Grundsteinlegung 1910 wurde entsprechend gewurdigt; siehe das dobrudschatatarische Blatt Tesvik Nr. 4 (30. Haziran 1910), 2-3 (Dobruca havadisleri: Vaz-i esas-i resmi). Die feierliche Eroffnung 1913 in Anwesenheit des Konigspaares wurde auch von Istanbuler Zeitungen als Ausdruck rumanischen Wohlwollens gegenuber den muslimischen Untertanen gedeutet; siehe etwa die panislamische Istanbuler Zeitschrift Sebilurresad Nr. 250 (23. Receb 1331), 267 (Romanya: Kostence cami-i serifinin resm-i kusadi).

(38) Alecu, AI.: Istoricul seminarului musulman din Megidia in: Analele Dobrogei Anul 9, Nr. 2 (1928), 181-87. Neben dem Seminar in Babadag existierte (als hohere muslimische Bildungsanstalt) nur noch eine aus osmanischer Zeit stammende muslimische Mittelschulen (rusdiye) in Constan(a und einige privat betriebene Medresen auf den Dorfern, vgl. Popovic, Islam balkanique, 208-11; Fazil, Dobruca, 176-78.

(39) Popovic, Islam balkanique, 209.

(40) Eine authentische Beschreibung der Atmosphare am Seminar liefern die Lebenserinnerungen Ulkusals aus den Jahren 1914-16; Ulkusal, Kirim yolunda, 48-51.

(41) Fazil, Dobruca, 179-80.

(42) Ibid., 179; Ulkusal, Kirim yolunda, 50-51.

(43) Siehe hierzu ausfuhrlich die Lebenserinnerungen von Temo, Ibrahim: Ittihad ve Terakki Cemiyetinin tesekkiilii ve hidemati vataniye ve inkilabi milliye dair hatiratim. Mecidiye 1939, 116ff.

(44) Vgl. Gemil, Tahsin: Asocia(ia din Romania a <> in: Anuarul Institutului de Istorie ji Arheologie "A.D. Xenopol" IaSi : Ed. Acad, Nr. 7 (1970), 173-95. Mustecib Ulkusal, der in erster Ehe die Tochter Ali Rizas heiratete, erinnerte sich, wie Ali Riza in dem tatarischen Dorf Azaplar politische Reden revolutionaren Charakters gehalten und somit unter anderem den Vater Ulkusals beeinflusst hatte; Ulkusal, Kirim yolunda, 23-25.

(45) So stellte ihn 1931 Mehmed Niyazi in einem Beitrag fur Emel den Lesern vor; Emel Mecmuasi Nr. 6/30 (15. Mart 1931), 352-53 (31. Mart ve bir hatira); Lebensdaten enthalt der Beitrag von Osman Nuri in Tesvik Nr. 6(14. Temmuz 1910), 2 (Azaplar: 10. Temmuz id-i millisi munasebetiyle).

(46) Fazil, Dobruca, 249-50.

(47) Einen informativen biographischen Eintrag zu Niyazi enthalt Gemal, AgiAmet: Dictionarul personalitatilor turco-tatare din Romania. Constanta: Metafora, 1999, 225-37; siehe ebenso Niyazi, Mehmet: Sagis. 2'nci baski. Kostence: Europolis, 2003 (hrsg. von Osman Karahan).

(48) Tesvik Nr. 1 (9. Haziran 1910), 1 (ifade-i meram ve tesrih-i meslek). So inserierte die von Russlandtataren um AbdurreSid ibrahimov in Istanbul herausgegeben panislamische Zeitschrift Tearuf-i Miislimin (1910-11) mehrfach in Tesvik und verwies auf ihre Vertreiber in der Dobrudscha.

(49) Zur verstarkten politischen Integration der Dobrudschamuslime siehe Dumitrescu, Stelian: The Muslim-Turkish Community in the Dobrudja within the Romanian State (1900-1918): the Administrative Framework According to the Romanian Archives in: Romano-Turcica Bd. I, Istanbul: Isis, 2003, 219--232.

(50) Mekteb ve Aile erfuhr jungst eine komplette Neuauflage in lateinischer Schrift; Ulgen, Erol und Ali Aksu (Hrsg.): Mektep ve Aile Mecumasi (1915-1916). Constanta 2003. Obgleich sich Mekteb ve Ade ursprunglich an alle Muslime Rumaniens richtete und ethnisch nicht einer einzigen Gruppe zuzuordnen ist, stellen die Herausgeber dieser Neuauflage das Blatt als Meilenstein der tatarischen Aufklarungsbewegung dar.

(51) Tesvik Nr. 3 (23. Haziran 1910), 2 (Romanya'da siyasi firkalar ve muslimanlar).

(52) Vuap-Mocanu, Sukran: Memei Niyazi'nin Dobruca Musulman Tamim Maarif Cemiyeti'nin ilk konferansidir nutugi hakkmda bau asiklamalar in: Renkler Bukres: Kriterion, Nr. 3 (1992), 166-69.

(53) Fazil, Dobruca, 223-24; Popovic, Islam balkanique, 208. Seit 1903 (bis 1933) gaben die Studenten und Ehemaligen des Seminars ein eigenes Jahrbuch (Anuarul Seminarului Musulman al statului din Medgidia) heraus, das ebenso wie diese Vereinigung zur Netzwerkbildung unter den Tataren beitrug.

(54) In der Suddobrudscha, dem sog. Cadrilater, lebten 1913 nur 12.376 Tataren neben ca. 124.000 Turken; siehe Dumitrescu, The Muslim-Turkish Community, 225.

(55) In den Jahren 1916-1918 entglitt Rumanien kriegsbedingt die Kontrolle der Dobrudscha, die unter deutscher und bulgarischer Truppenverwaltung stand. Bulgariens Bemuhungen, auch nach seiner Niederlage 1918 die Dobrudscha in sein Staatsgebiet zu integrieren, scheiterten. Die politischen Reprasentanten der lokalen Muslime (darunter auch tatarische) pladierten im November 1918 fur einen Verbleib in Rumanien; siehe die beiden Nummern der Zeitung Cuvantul Dobrogei vom 13. und 25. Juli 1919 mit den Beschlussen des muslimischen Komitees.

(56) Siehe hierzu Ulkusal, Kirim yolunda, 153-54.

(57) Was seine Bedeutung fur die Dobmdscha angehl, so kann mm1 ihn dumhaus als lokale Variante von Ismail Gasprinskij bmmchmn. Einen erslen Kull un den Dichter pflegte die Redaklmn von Emel Mecmuasi seit Mille der 30er Jahre. Nach dern Ende der kommunistischen Herrschafl sind seine Gedichte emeul mehrfach aufgelect woNen, Karadeniz widmme ibm wiederhdl Beitrage und sein Grab auf dern muslimischen Friedhof von Medgidia wurde zu einer wichtigen Gedenkstatte nationaler Aktivisten: siehe z.B. Kaaradeniz Nr. 16:4 (1992), 1 (Ic haberler).

(58) Er entstammte einer aristokratischen Familie, die in Folge des Krimkrieges ausgewandert war; siehe Genial, Dic[ionarul, 124-25.

(59) Es handelt sich hierbei um irfan Fevzi (geb. 1919) und Ridvan Fevzi (geb. 1921); zu den beiden siehe Gemal, Dicrionarul. S.125-29 sowie 88-90. Beide beteiligten sich als betagte Zeitzeugen in den 1990er Jahren aktiv an der wieder entstandenen tatarischen Presse und berichteten uber die Nationalbewegung der 30er und 40er Jahre ebenso wie uber ihre Erinnerungen an die Generation der Vater; siehe z.B. die Artikelserie Amica noastra, istoria aus der Feder von Irfan Ismail in der tatarischen Jugendzeitschrift Cas aus den Jahren 2001 und 2002.

(60) Er war nach seiner Ankunft auf der Krim kurze Zeit Direktor der wichtigsten krimtatarischen Bildungsanstalt, der Zincirli Medrese; zu ihm siehe Gemal, Diqionarul, 86-88.

(61) Dobruca berichtete ausfuhrlich uber die Nationalbewegung Mustafa Kemals und den turkischen Befreiungskrieg (1919-1922). Auf diese Weise liess sie die Dobrudschamuslime am revolutionaren Geschehen in der Turkei teilhaben.

(62) Zu Mehmed Nuri, der ebenso einer angesehenen Familie mit aristokratischem Hintergrund entstammte, siehe Gemal, Dic(ionarul, 220-223.

(63) Zur Person siehe Karadeniz 14:2 (1992), 2 (Biiyuklerimiz: Selim Abdulhakim). Zahlreiche Angaben zu seinen Aktivitaten enthalten die Lebenserinnerungen Ulkusals; siehe ders.. Kirim yolunda, passim.

(64) Auf diese Weise sollte die rumanische Offentlichkeit ein Interesse am Verbleib der Tataren in der Dobrudscha entwickeln und damit der tatarischen Emigration nach Anatolien vorgebeugt werden.

(65) Seine Autobiographie (Kirim yolunda) umfasst leider nur den Zeitraum 18991945. Weiterfuhrende Angaben zur Person liefert Altug, Giray Saynur: Mustecib Ulkusal. Hayati ve faaliyetleri. Istanbul 1995, unveroffentlichte Yuksek Lisans Tezi der Marmara Universitesi.

(66) Zur Entstehungsgeschichte ausfuhrlich aus der Perspektive des Herausgebers Ulkusal, Kirim yolunda, 148ff.

(67) Zur Errichtung seines Grabes auf dem muslimischen Friedhof von Medgidia wurde von Emel Mecmuasi eine Spendenkampagne durchgefuhrt, die dem erwachenden Nationalbewusstsein Ausdruck verlieh. Die ab Ende 1935 einsetzenden Gedenkveranstaltungen am Grabmal wurden zu einem der wichtigsten Rituale der dobrudschatatarischen Nationalbewegung. Niyazis Grab darf seit jener Zeit als symbolisches Denkmal fur die Krim in der Dobrudscha angesehen werden; vgl. Williams, Crimean Tatars, 283-284.

(68) Siehe z. B. Emel Mecmuasi Nr. 11/120 (Tesrin-i sani 1937).

(69) So wurde zwischen 1933 und 1936 das Werk Carlik hakimiyetinde Kirim faciasi yahud Tatar hicretleri von Ahmed Ozenbajh als Serie veroffentlicht.

(70) Zu diesen Aktivitaten siehe Fazil, Dobruca, 267-270, sowie Ulkusal, Kirim yolunda, 176-192.

(71) 1935 untersagte die Regierung in Ankara aus diesen Grunden sogar die Einfuhr von Emel in die Turkei; siehe Ulkusal, Kirim yolunda, 193-195.

(72) Ibid. 251.

(73) Turk Birligi erhielt finanzielle Zuwendungen von der turkischen Bolschaft; siehe Ulkusal, Kirim yolunda, 249.

(74) Als "eine schandliche Bewegung" (cirkin bir cereyan) charakterisierte Romanya den tatarischen Nationalismus (tatarcilik); siehe den Beitrag von I. Kemal in Romanya Nr. 572 (28.4.1931), 1 (Tatar cereyani). Auch Reprasentanten der Turkei, die die Umsiedlung der turkischen Bevolkerungsteile propagandistisch und logistisch unterstutzten, attackierten die tatarischen Aktivisten. So bezeichnete Yasar Nabi die Gruppe um Mustecib Ulkusal als "Volksverrater" (millet hainleri), siehe Yassar Nabi: Balkanlar ve Turkluk. Ankara 1936, 122-23.

(75) Siehe Fazil, Dobruca, 270-273, sowie Mustecib Ulkusals Reaktion auf einen Brief von Alexandre Popovic an die Emel-Redaktion: Emel Jahrgang 16, Nr. 95 (Temmuz-Agustos 1976), 13.

(76) Siehe die Argumentation Selim Abdulhakims und anderer prominenter Tataren, wonach die Turko-Tataren sich als rumanische Burger mohammedanischen Glaubens und nicht als Minderheit betrachteten; unter anderem wiedergegeben in: Die Dobrudscha. (Koniglich-rumanisches Ministerium fur auswartige Angelegenheiten; Denkschriften und Dokumente) Bucuresri, 1940, 54-59.

(77) Zu ihm siehe Gemal, Dictionarul, 84-86.

(78) Zwischen der ersten und zweiten Auflage des Buches gibt es auffallige Unterschiede: Das 1966 in Ankara herausgekommene Werk wurde nicht nur sprachlich, sondern auch inhaltlich uberarbeitet. Die schlimmen Erfahrungen, die der Autor zwischen 1940 und 1966 machen musste, haben sich auf die Neuauflage ausgewirkt: Die Deportation seiner Landsleute von der Krim, das Schweigen der damaligen rumanischen Regierung hieruber, die Ermordung seines Bruders durch rumanische Kommunisten und die Unterdruckung der muslimischen Religion sowie des krimtatarischen Bewusstseins im kommunistischen Rumanien sind nicht spurlos an Ulkusal vorbeigegangen; siehe Ulkusal, Mustecip: Dobruca ve Turkler. (Turk Kulturunu Arasstirma Enstitusu Yayinlari 26) Ankara 1966.

(79) Siehe einen entsprechenden Beitrag in Emel Mecmuasi Nr. 134 (Kanun II 1939), 9-14 (Kirtmcilik ve Romanya).

(80) Siehe Emel Mecmuasi Nr. 142 (Eylul 1939), 1-8 (Hak ve seref yolunda Lehlstan).

(81) Zunachst veroffentlicht als Serie in der neuen Folge von Emel erschienen die Erinnerungen spater auch als Monographie; siehe Ulkusal, Mustecib: ikinci dunya savasinda 1941-1942 Berlin hatiralari ve Kirim'm kurtulus davasi. Istanbul: Emel Yayim, 1976.

(82) Siehe Williams, Crimean Tatars, 288.

(83) Ich mochte soweit gehen zu behaupten, dass er fur die Dobrudschatataren die Funktion eines "lokalen" Celebi Cihans, d.h. Martyrers fur die nationale Sache, einnimmt. Als Beispiel fur eine solche Verehrung sei auf das literarische Werk von Guner Akmolla (geb. 1941) verwiesen; Akmolla, Guner: Vatan. Kostence: Europolis, 1999 sowie id.: Bagislaymuz. Constanta: Metafora, 2003.

(84) Siehe Ibram, Comunitatea, 179-94. Diese Lehrbucher erschienen zwischen 1956 und 1958 in einer Auflage von 1000 bis 2400 Exemplaren.

(85) Vgl. Schopflin, George: The Turkic Peoples of Romania in: Bainbridge, Margaret (Hrsg.): The Turkic Peoples of the World. London und New York 1993, 201-205. Entsprechende turkische Lehr- und Lesebucher, die auch fur tatarische Schuler vorgesehen waren, erschienen 1972-1973 in Bukarest, verfasst von dem ethnischen Tataren Ahmet-Naci C. Ali (geb. 1924) (zu ihm siehe Gemal, Diefionarul, 35-40) und dem ethnischen Turken Mustafa Ali Mehmet.

(86) Stellvertretend fur diese Generation Turkologen sei hier Vladimir Drimba erwahnt, der sich von den 1950em bis in die 1970er mit den Dobrudschatataren intensiv beschaftigte; zur turkologischen Forschung in der Dobrudscha siehe auch Cossuto, Il senso, 141-47.

(87) Ali, Ahmet-Naci Cafer (Hrsg.): Boztorgay. Folklor toplami. Bukres: Kriterion, ekinci basihs, 1996.

(88) Die Ausgaben erschienen ebenso im Verlag Kriterion.

(89) Stellvertretend fur zahlreiche altere Poeten, die ihr literarisches Schaffen einsetzen, um unter der Jugend ein krimtatarisches Nationalbewusstsein am Leben zu halten, sei hier auf Ya$ar Memmedemin (geb. 1936) verwiesen, der auch in Karadeniz und Cas regelmassig publiziert; zur Person siehe Gemal, Diclionarul, 239-246.

(90) Diese erscheinen in rumanischer, tatarischer, turkischer oder einer Art "Mischsprache" zwischen letzteren.

(91) Wissenschaftlich von Bedeutung ist hierbei insbesondere ein Band mit Beitragen zu einer von dem tatarischen Historiker Tahsin Cemil 1994 geleiteten internationalen Konferenz uber die Ursprunge der Tataren; siehe Gemil, Originea tatarilor-in gekurzter Fassung neu aufgelegt durch Gemil, Tahsin (Hrsg.): Tatarii in istorie si in lume. Bucuresti: Kriterion, 2003.

(92) Eine besonders umfangreiche Tatigkeit auf diesem Gebiet weist das Ehepaar Enver und Nedret Mahmut (geb. 1935 bzw. 1934) auf; siehe z.B. Mahmut, Nedret: Dobruca Turk edebiyati: dunu, bugunu, yarini in: Gurel, Zeki u. a. (Hrsg.): Ikinci Turk DUnyasi Yazarlar Kurultayi, Bildiriler. Ankara: Ilesam, 1998,265-273.

(93) Siehe seinen Beitrag in Karadeniz Nr. 9-10 (1991), 1 (Turkliigumuzu mit kaybediyoruz?).

(94) Siehe das Pladoyer gegen eine Verwendung des Tatarischen in der Literatur von Irfan Unver Nasrattinoglu, dem Vorsitzenden der turkisch-rumanischen Freundschaftsvereinigung, in Karadeniz Nr. 23:3 (1993), 1 ("Karadeniz"de butunlesmek gerek...).

(95) Siehe die Sonderausgabe von Karadeniz (Nr. 36:1-2 (1996)) zum Tode von Mustecib Ulkusal.

(96) Als Beispiel liesse sich die Publikationstatigkeit des Attaches fur religiose Fragen am turkischen Konsulat von Constanta in Karadeniz und Cas seit der zweiten Halfte der 1990er nennen--aber auch das Engagement turkischer Lehrer im Bildungssektor der Dobrudschamuslime, uber das ausfuhrlich berichtet wird.

(97) Siehe den Beitrag von Ali C. Ahmet-Naci in Karadeniz Nr. 32:3 (1995), 3 (Dobruca'da konusulan Tatar Turkfesi yaztlisi hakkmda dusuncelerim).

Volker Adam

Halle (Saale)
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