Bertil Tikkanen and Heinrich Hettrich (eds.): Themes and Tasks in Old and Middle Indo-Aryan Linguistics.
Article Type: Book review
Subject: Books (Book reviews)
Author: v. Hinuber, Oskar
Pub Date: 01/01/2009
Publication: Name: Acta Orientalia Publisher: Hermes Academic Publishing Audience: Academic Format: Magazine/Journal Subject: Social sciences Copyright: COPYRIGHT 2009 Hermes Academic Publishing ISSN: 0001-6438
Issue: Date: Annual, 2009 Source Volume: 70
Topic: NamedWork: Themes and Tasks in Old and Middle Indo-Aryan Linguistics (Collection)
Persons: Reviewee: Hettrich, Heinrich; Tikkanen, Bertil
Accession Number: 300652487
Full Text: Bertil Tikkanen and Heinrich Hettrich (eds.): Themes and Tasks in Old and Middle Indo-Aryan Linguistics. Papers of the 12th World Sanskrit Conference, Vol. 5, Delhi (Motilal Banarsidass Publishers), 2006. x, 326 pp. ISBN 81-2083062-8.

Der vorliegende Band enthalt genau ein Dutzend ausgewahlte Beitrage, die auf den sechzehn Vortragen der Sektion Alt- und Mittelindisch beruhen, die anlasslich der zwolften Weltsanskritkonferenz im Juli 2003 in Helsinki vorgetragen wurden. Ihr Inhalt ist ebenso vielfaltig wie ihre Qualitat unterschiedlich.

In dem ersten Beitrag geht M. Kobayashi der Entwicklung von der proto-indo-iranischen Lautgruppe *-sc- zu skt. -cch- nach (S. 1-18). Im Gegensatz zur der bisher vertretenen Auffassung, dass die Entwicklung der spateren mittelindischen von beispielsweise -st- zu -ttha- entsprache, geht M. Kobayashi von einer Entwicklung von *sc *[st[integral]] uber *[t[integral]] zu [t[[integral].sub.[asp]]] : /(c)[c.sup.h]/ aus, was eine Fulle von schwer kontrollierbaren Annahmen erfordert. Inzwischen ist der Beitrag durch das Erscheinen der Dissertation des Verf. "Historical Phonolgy of Old Indo-Aryan Consonants" (Tokio 2004), aus der der Vortrag einen Auszug wiedergibt, uberholt.

Im zweiten Beitrag stellt H. H. Hock die verschiedenen Moglichkeiten des Ausdruckes der Reflexivitat vor allem am Beispiel des Rigveda in einem nutzlichen Uberblick zusammen (S. 19-44).

Ebenfalls anhand des Rigveda stellt L. Kulikov Uberlegungen zu einem Problem der Partizipialbildungen auf -ana- an (S. 45-63), die je nach syntaktischer Umgebung intransitiv (passiv) oder transitiv verwendet werden konnen. Dies lasst sich aus der Zugehorigkeit dieser Partizipien entweder zum Stativ oder zum passiven Aorist erklaren. Umgekehrt erlaubt das Vorhandensein eines passiv verwendeten, entsprechend gebildeten Partizips auf -ana- Ruckschlusse auf einen sonst nicht uberlieferten passiven Aorist. Schliesslich weist L. Kulikov auf ein mogliches aktives Gegenstuck in Form von Partizipien auf -ant- hin, die dem Stativ zugehoren.

Mit dem nachsten Beitrag beginnen die dem Mittelindischen gewidmeten Arbeiten. V. Bubenik geht nochmals der bekannten, allmahlichen Verdrangung des vedischen Kasussystems nach (S. 6588), was schliesslich in der Bezeichnung syntaktischer Verbindungen durch Postpositionen im Neuindischen endet. Dabei wird diese Entwicklung, die bis zum spaten Mittelindischen (Apabhramsa) verfolgt wird, mehr aus einer systematischen, teilweise auch ein wenig textfernen Perspektive betrachtet, so dass der historische Verlauf nur in Umrissen deutlich wird.

Einen ahnlich systematischen Ansatz verfolgt B. Oguibenine mit der Betrachtung des Instrumentals als Kasus des Agens in Konkurrenz mit anderen Kasus (S. 89-119), ohne dass ein eindeutiges Ergebnis klar hervortreten wurde: "once more one can observe the variability ... of the linguistic norm" (S. 115). Dabei werden gelegentlich schlichte und klare Aussagen der Texte solange analysiert, bis sie ganz undurchsichtig zu werden drohen wie die einfache, stets richtig verstandene Aussage des BhiksunTvinaya ([section] 59) upasarnpadetu tarn sarngho itthannamam maya itthannamaya upadhyayimya anukampam upadaya (S. 111) "Moge der Samgha aus Mitleid (anukamapam upadaya) diese N.N. mit mir, der N.N., als Lehrerin ordinieren" was auch E. Nolot selbstverstandlich richtig verstanden hat. Zunachst wird unter Berufung auf BHSD s. v. upadaya festgestellt, dass im Pali und in der Sprache der Mahasamghikalokottaravadins upadaya verschieden verwendet wurden, obwohl F. Edgerton an der zitierten Stelle ausdrucklich festhalt "BHS meanings (probably all paralleled in Pali ...)" (!?). Dass upadaya nicht mit dem "nom. tarn sarngho" (sie! S. 112), sondern mit maya verbunden werden soll, ist allenfalls abwegig.

Es war ein wenig glucklicher Gedanke von E. Seldeslachts (S.121-141), das vergessen geglaubte und langst als verfehlt erkannte, vom Verf. "Kolver-Prinzip" benannte Verfahren wieder mit Leben erfullen zu wollen. Schon bei Erscheinen von B. Kolvers "Verschliffene Prafixe im Altindischen" (1976) stellte F. B. J. Kuiper in den "Publications Received" im IIJ 20. 1978, S. 160 knapp und wenig freundlich aber leider durchaus zutreffend fest "plainly worthless" (vgl. auch die Besprechung von R. Schmitt, Die Sprache 24. 1978, S. 72 f. mit ZDMG 158. 2008, S. 484). Und so wird denn der Leser mit einer langen Reihe ungemein nahe liegender "Etymologien" begluckt. Das Wort panda (S. 128), das M. Mayrhofer besonders mit Blick auf bandet gewiss richtig als "nicht-idg." zu betrachten geneigt ist, wird ohne jegliche Untersuchung der Semantik des Wortes wiederum als *apanda "without testicles" erklart, wobei dem Verf. dieselbe bereits von A. Wezler: Sanskrit panda- I pandaka-, ZDMG 148. 1998, S. 261-276 vorgetragenen Deutung entgangen ist (2). Weiterhin seien die folgenden wenigen Beispiele willkurlich herausgegriffen: canda"heftig" (nach PW hauptsachlich mit Naturerscheinungen wie Wind oder Regen verwendet) wird von *(a)tyanda "having too much testicle" (S. 127) abgeleitet. Von *(a)pyudgala, was "what inevitable perishes" oder dergleichen heissen soll, ist pudgala "beautiful, person" gebildet (S. 130). Wenn es denn ein Verb *api-ud-gal gabe, konnte es allenfalls "nach oben tropfen" vielleicht "uberquellen" heissen, eukra"Essig" wird von *(a)tivakra "sehr krumm," in der Tat einer der hervorstechendsten Eigenschaften des Essigs, hergeleitet (S. 133). Uber die seltsame Mischung aus Mittelindisch (ty > cc) und Sanskrit (-kr-) wird man danach kein Wort mehr verlieren wollen. Wenn schon auf geheimnisvolle Weise picu- "Baumwolle" von *(a)pyatyavya "surely to be liked very much" herzuleiten ist (S. 130), so sollten wenigstens die grundlegenden Lautgesetzte nicht kurzer Hand ausser Kraft gesetzt werden: Es wurde sich allenfalls *piccu- ergeben. Dass der Verf. nach alledem nicht mehr davor nicht zuruckschreckt, dem gelaufigen pejorativen Prafix ku- der Etymologie zu Liebe eine positive Bedeutung zu verleihen, verwundert den Leser kaum noch (S.131f.) Nach diesen und vielen anderen Beispielen kann man nur noch ratlos die Segel streichen. Hier waren wohl die Herausgeber gefordert gewesen, den Autor vor sich selbst zu schutzen.

Der Beitrag von H. R. Baghbidi uber iranische Elemente im Sanskrit (S. 143-166) ist in der Besprechung des vorliegenden Buches durch R. Schmitt, ZDMG 158. 2008, S. 483-486, besonders S. 484ff. aus der Sicht eines Iranisten betrachtet. Weiterhin ist festzuhalten, dass es nicht nur um Sanskrit sondern um indo-arische Sprachen allgemein, oft auch um Prakrit oder Hindi, geht. Wenngleich einiges nicht wirklich gesichert, manches vielleicht nicht haltbar ist, so ist es doch ein Verdienst des Beitrages, ein wenig bearbeitetes Gebiet der indischen Wortforschung in Erinnerung zu rufen.

Ebenfalls der Iranistik verbunden ist John S. Sheldons Aufsatz zur Sanskrit-Ubersetzung der Haoma-Liturgie, einem weiteren vernachlassigten Forschungsgebiet (S. 255-272). Die beiden letzten Arbeiten sind der Lexikographie gewidmet, von G. Huet zur maschinellen Erstellung von Sanskrit-Lexica (S. 305-323) und von A. Glass zum Aufbau eines Gandhari-Worterbuches (S. 272-303), das nach den spektakularen Neufunden von Texten in dieser Sprache zu einem dringenden Desiderat wird. In seinem Beitrag weist A. Glass auch auf bereits bestehende elektronische Sanskrit-Worterbucher ebenso hin (S. 294) wie auf die Internet-Anschriften des im Entstehen begriffenen Gandhari-Worterbuches und seiner Textgrundlage (S. 295). Zugleich bietet der Beitrag einen guten Uberblick uber den gegenwartigen Bestand an sprachlichen Materialien in GandharT, der noch immer erfreuliche Zuwachse erfahrt. Sehr knapp geht der Verf. auch auf die einheimische indische Lexikographie ein. Dabei ist die Aussage, dass die mittelindische Lexikographie erst nach der "Kharosthl-Periode" einsetzte (S. 274 Anm. 2) wohl im Lichte der fruhen Vorlaufer der Pali-Lexikographie im Mahaniddesa und besonders der bereits in die "alte Atthakatha" eingebetteten "Lexikon-Verse" zu modifizieren (O. v. Hinuber, OLZ 93. 1998, Sp 97-100 = Kleine Schriften. Wiesbaden 2009, S. 1023L).

Herausragend sind die beiden umfangreichsten Beitrage von G. - J. Pinault (S. 167-196) uber weitere Verbindungen zwischen dem Substrat im Indo-iranischen und der vermuteten BMAC (BactriaMargina Archaeological Complex)-Sprache(n), wobei er neben dem Indo-iranischen als Sprache, die Begriffe aus der Oxus-Kultur ubernimmt, auch das Gemeintocharische ins Spiel bringt und Worter untersucht, die unabhangig von einander in das Gemeintocharische und in das Indo-iranische entlehnt sind.

Weit ausholend in Inhalt und Umfang sind die mehr als funfzig Seiten (S. 197-253) langen Bemerkungen von H. Scharfe zur Konvergenz des Indo-arischen mit dem Drawidischen in den Bereichen des participium necessitatis (gerundivum) und der Nominalkomposition. So wird uberzeugend dargelegt, wie die Ansatze zu langen Komposita vom Drawidischen auf die Sprachen des Nordens einwirken, beginnend schon in der Hala zugeschriebenen Sammlung von siebenhundert Strophen. Dabei ist H. Scharfe gezwungen, sich auch mit den von H. Tieken vorgeschlagenen Spatdatierungen der Tamil-Anthologien auseinander zu setzen, die er schliesslich knapp doch uberzeugend (S. 239-241) mit "perverse stubbornness in his pursuit" (S. 240) wohl nicht ganz unzutreffend charakterisiert und zuruckweist.

Festgehalten zu werden verdient auch der Hinweis von H. Scharfe auf eine in der Literatur fruher geausserte, doch kaum tradierte mogliche Verbindung des "Konigs Atiyaman, Sohn der Atiyars" (S. 240 mit Anm. 81) mit den Satiyaputa in den Edikten Asokas (RE II A).

Viele Einzelbeobachtungen verschiedener Gelehrter sind der nun vorgelegten Synthese von H. Scharfe vorausgegangen und in sie eingeflossen. In wohltuendem Unterschied zu der gelegentlichen Neigung, Vorganger ein wenig herablassend ob deren fehlgehender Schlussfolgerungen zu behandeln, schliesst H. Scharfe mit dem zitierenswerten Satz, der zugleich seine Ergebnisse umreisst: "But it is gratifying that we can ultimately agree with Jacobi on the rise of compounds in Prakrit and the similarity with Dravidian usage, with Renou on the spread of long dvandvas in the sutra literature, with Hauschild on the Dravidian influence, and with Bloch and Burrow on the literary aspects of this development."

Ein sehr knapper Index schliesst den Sammelband ab.

(2) K. Amano: Maitrayani Samhita l-ll. Ubersetzung der Prosapartien mit Kommentar zur Lexik und Syntax der alteren vedischen Prosa. Bremen 2009, S. 571 Anm. 2515 zu MS II 5,5(5) stellt fest, dass in der alten Sprache der vedischen Prosa pandaka "Impotenter" bedeutet und eben nicht "Eunuch", was durch kliba ausgedruckt wird. In sehr viel spaterer Zeit verwendet die Samantapasadika 1015,32-1016,16 das Wort pandaka in der ubergreifenden Bedeutung "mit einem (psychischen oder physischen) sexuellen Defekt versehen." Verschiedene Auslegungen der Worter asanda(ka) und pandaka im Bereich von Vinaya und Abhidharma bespricht Yasomitra in seiner Abhidharmakosavyakhya zu Abhid-k III.- Literatur zu Eunuchen in Indien haben C. H. Tawney, N. M. Penzer: The Ocean of Story, Band III (1925), Nachdr. Delhi 1968, S. 319-329 zusammengestellt, vgl. auch G. Hambly: A note on the trade in eunuchs in Mughul Bengal. JAOS 94. 1974, S. 125-130 mit reichen Literaturhinweisen. Fur Eunuchen zur Bewachung des Harems wird varsadhara, Kaujalya 1.20.21 usw. verwendet, vgl. vassavara (Ja VI 502,26*) ti uddhatabija orodhapalaka, Ja VI 504,22'; zur Kastration vgl. auch Vin II 110, 22-26 und J. Natten: Kleine Schriften Band I. Wiesbaden 1995, S. 308f. zu nir-aks.

Oskar v. Hinuber

Freiburg
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